Erstmal einige Antworten auf Nebenthemen:
Fatshaming: Sehr schlechte Idee, angesichts der umfangreichen Forschung über Adipositas, ihre Ursachen, Verlauf und Behandlung. Könnte ein eigener Thread werden, aber das würde viel Arbeit und viel Lesen bedeuten. Die meisten tragen ziemlich viele falsche Annahmen über das Thema mit sich rum. Ich such bei Gelegenheit mal ein review raus, in der Hoffnung, dass so das Thema informiert, sachlich und respektvoll diskutiert werden kann.
Psychoanalyse: Als Richtlinientherapieverfahren hat sie ihre Wirksamkeit nachweisen müssen. Manche Annahmen von Freud sind nachgewiesenermaßen widerlegt, andere haben zu Recht auch Eingang in andere Therapieschulen gefunden.
Kaffee: Erzeugt eine Gewöhnung und kann als Droge angesehen werden, aber nicht über das Dopaminsystem. Ziemlich komplexe Wirkungen, teils vorteilhaft, teils schädlich.
So, jetzt das Thema soziale Medien
Ja, die sozialen Medien (mit jeweils unterschiedlichen sozialen Wirkungen) haben z.T. einen erheblichen, nachgewiesenen negativen Einfluss. Manchmal ist aber bei den Berichten darüber auch etwas Kritihype am Werke, und manche Auswirkungen sind eine Verstärkung von vorbestehenden Machtverhältnissen und Marktmechanismen.
Ich denke, es lohnt sich, verschiedene Themenbereiche abzugrenzen:
Da sind Gefahren für bestimmte, oft vulnerable Personengruppen. Beispiele sind Ratschläge für anorektische Jugendliche, wie sie Kalorien sparen können (damit hatte ich auf der psychiatrischen Jugendstation zu tun), Zugang zu Pornographie und Gewalt für Kinder (damit hatte ich im Jugendtreff zu tun), oder auch Angebote, die einsame oder anderweitig vulnerable Menschen in düstere Phantasiewelten abdriften lassen.
Es gibt einige Forscher, die in den sozialen Medien die Ursache für einen Anstieg von psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen sehen. So klar kann ich dem nicht folgen. Es ist imo eine Interaktion zwischen der realen Lebenssituation und der auch realen veränderten Lebenswirklichkeit mit den sozialen Medien. Eine so präsente Technologie hat viele Folgen.
Dann ist der Punkt mit den Algorithmen: Dass einige Medien die Tendenz haben, extreme Inhalte anzubieten, weil das clicks generiert, ist nachgewiesen. Davon sind nicht alle gleichermaßen betroffen und die Empfehlungen sind nicht gleichermaßen schädlich. Aber für eine erhebliche Anzahl spielt es eine Rolle bei der Radikalisierung oder der Weltflucht.
Der Zusammenhang der Algorithmen mit der Aufmerksamkeitsökonomie: Die (oft nicht bewusst gewählte) online-Zeit ist erheblich gestiegen. Das hat besonders negative Auswirkungen auf vulnerable Gruppen wie einsame Menschen oder Kinder/Jugendliche. Oft steht es in Konkurrenz zu notwendigen realen (sozialen) Erfahrungen und verändert deren Qualität.
Dann sind da die Folgen für Politik, Gesellschaft und Demokratie:
Der Trend der Polarisierung, der auch analog besteht, setzt sich fort, und er kann erheblich verstärkt werden. In den USA noch wesentlich stärker als hier.
Eine gemeinsame Weltsicht aller gesellschaftlichen Gruppen gab es auch früher schon nicht, aber die Abgrenzung scheint mir schärfer geworden zu sein, es scheint weniger eine gemeinsame Basis für Fakten zu geben, und die Gruppierungen spalten sich weiter auf (Tribalismus). Das ist einerseits ein Ergebnis einer differenzierteren Industriegesellschaft mit weniger Austausch zwischen den Gruppen, also nicht nur den sozialen Medien zuzuschreiben. Aber es wird offenbar durch die sozialen Medien verstärkt, da eine geteilte Kommunikationsplattform fehlt und viel Meinungsbildung in Blasen stattfindet.
Kadaver: Die Vereinnahmung von menschlichen Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen, Beziehungen und deren Ausdruck zu kommerziellen Zwecken ist wesentlich für den Kapitalismus, wie er sich im letzten Jahrhundert entwickelt hat. Das umgibt uns überall, und es ist kaum möglich, sich dem zu entziehen. Durch maßgeschneiderte Werbung, die aufgrund der Daten und ihrer Verbindung möglich ist, scheint sich dies nun noch näher an uns heranzuschmiegen, für viele fast wie eine zweite Haut. Und viele Inhalte im Netz sind hybrid, Werbung ist oft schwer zu erkennen oder sehr gut eingepackt.
Ich denke, die meisten hier im Forum sind kaum noch die Zielgruppe für diese Art von Werbung bzw. Gehirnwäsche. Betroffen sind vor allem junge Leute, die formbaren Konsumenten der Zukunft. Hier sehe ich eine der ganz großen Gefahren der sozialen Medien: Viele junge Leute werden so beeinflusst, dass sich das im Gehirn dauerhaft ḱonsolidiert, und sie halten das, was sie über die sozialen Medien tagtäglich erfahren, für die Normalität: Die Art, wie sie Gefühle verstehen, Beziehungen eingehen, oder welche Ziele und Werte sie entwickeln. Wenn jetzt noch KIs als „Freunde“ eingebunden werden, sind sie imo zusätzlich hochgradig gefährdet.
(edit: geschrieben, bevor ich jetzt den Artikel von Shoshana Zuboff gelesen habe. Ich stimme ihr in vielem zu)
Andererseits: Soziale Medien haben die Möglichkeiten, Beziehungen trotz Entfernung aufrecht zu erhalten oder Gleichgesinnte zu finden, wesentlich verbessert. Signal-Nachrichten mit meinen Kindern oder meinem Bruder sind für mich unendlich wichtig, und auch meine gesellschaftliche Teilhabe wäre ohne verschiedene Medien quasi null.
Das geht auch anderen so. (Vielleicht haben auch viele von denen, die sich im Netz so äußern, dass man sich abwenden möchte, sonst gar keine andere Möglichkeit, gehört zu werden, und man sieht, dass sie es nicht gewohnt sind.)
Umso wichtiger ist es, dass die sozialen Medien so funktionieren, dass sie nicht schaden.
Man könnte die Verbreitung der online-Kommunikation vergleichen mit der Verbreitung des Autos: Es verändert die Art, wie wir leben, den gesamten Alltag. Es gibt Gefahren für bestimmte Gruppen (die Unfallzahlen waren einige Jahrzehnte lang riesig, und dabei besonders viele Kinder), und die Infrastruktur für bestimmte menschliche Tätigkeiten ändert sich fundamental.
Wir sollten es diesmal besser machen.