Deine Fragen halte ich für berechtigt, und ich habe keine direkte Antwort darauf.
Ich schaue auf die Wirtschaft als ein hochkomplexes, stark vernetztes System. Wenn man an einer Schraube dreht, passiert an einem anderen Ende etwas. Man kann solche Systeme nicht einfach auseinandernehmen, ohne dass viel kaputtgeht.
Das System, das wir gegenwärtig haben, ächzt an verschiedenen Ecken und Enden, funktioniert teilweise holprig und hat heftige Nebenwirkungen. Teilweise funktioniert es sehr gut. Was immer man auch mit „funktionieren“ und „gut“ meint.
Es gibt eine eigene Wissenschaftrichtung, die sich mit dem Übergang von Systemen von einem in einen anderen Zustand befasst. Eine nicht mehr wachsende Wirtschaft wäre ein anderer Zustand des Wirtschaftssystems, der unter wesentlich anderen Bedingungen funktionieren müsste. So ziemlich alles in unseren Institutionen wäre davon betroffen.
Der Übergang von der fossilbasierten Wirtschaft zu einer elektrifizierten auf einer nachhaltigen Basis ist so ein Systemwechsel, ein gewollter, mit dem sich auch die Handelsbeziehungen und die Macht der Staaten ändern. Auch der zunehmende Einsatz von KI ist ein Systemwechsel, der gestaltet werden sollte, damit er uns nicht überrollt.
Diese Systeme haben viele Akteure, von denen viele nicht einmal wissen, dass sie welche sind oder welche Art von Einfluss sie haben oder nicht haben. Einzelne Regierungen haben nicht so viele Gestaltungsmöglichkeiten, in der Gemeinschaft, etwa EU, OECD oder G20 schon eher. Es gibt ein Regelwerk, das die WTO überwachen soll, obwohl es oft Konflikte gibt. Wer einfach aussteigt, verliert, wie etwa Argentinien, als es seine Schulden nicht zurückzahlen wollte. Und dann sind da noch diejenigen, die einige Vorteile haben, wie die USA durch ihre Währung, die Leitwährung und internationale Reserve ist.
Man kennt es in der Ökonomie, dass Industriezweige oder Technologien aussterben. Die nennen es „kreative Zerstörung“. Für die Gesellschaften ist das immer eine heftige Herausforderung, die sich auch politisch niederschlägt. Das sollte man behutsam und klug angehen.
Langfristig ist es sicher nötig, einen Systemübergang hin zu einer weniger dynamischen Wirtschaft zu vollziehen, um wirklich nachhaltig sein zu können. Ob das Nullwachstum bedeutet, weiß ich nicht und wohl auch sonst niemand. Wir können nur für die Gegenwart gute Entscheidungen treffen und die dummen möglichst verhindern.
Ich bin mir über die Grundsatzfragen, die du stellst, auch nicht sicher. Aber ich lese den Bericht, indem ich sie erstmal beiseite lasse und Antworten innerhalb des bestehenden Systems suche, die aber doch die Möglichkeit eines Systemwechsels, etwa die ökologische Transformation und KI, zulassen.
Dass Draghi die Steigerung der Produktivität, oder in Teilen Wiedererlangung der Produktivität, so zur Grundlage seiner Überlegungen macht, muss ich nicht teilen, kann es aber als eine berechtigte Annahme nachvollziehen. Schließlich will ich erstmal verstehen, was er schreibt.