Thema August: Draghi-Report. Zusammen lesen, verstehen, diskutieren

Identität: bei jungen Bürgern gibt es wohl schon ein europäisches Selbstverständnis. Vielleicht würden die Referenden zur europäischen Verfassung heute anders ausfallen, die damals in Frankreich und den Niederlanden durchgefallen ist. Bei den meisten steht die nationale einfach neben der europäischen Identität.
Ich glaube nicht, dass die Rechtsextremen sich in diesem Punkt sehr durchsetzen, es sei denn, ein Staat kippt ins Autoritäre.

Geld: Die Finanzierung der EU kommt zu einem großen Teil aus den „Mitgliedsbeiträgen“ der Staaten. Das führt dazu, dass diese bilanzieren: Lohnt es sich für uns?
Es sollte deutlich mehr unabhängige Quellen zum EU-Budget geben, das würde die Rechnung im Kopf unnötig machen.

Krümmung der Bananen: das beruhte auf einer Initiative der Nahrungsmittelindustrie :wink:

Über 50% der Gesetze und Regeln, die uns im Alltag betreffen, haben ihren Ursprung in der EU (laut Keating: the owned continent). Das ist so viel wie bei den USA, nur wissen EU-Bürger viel weniger über die Entscheidungsprozesse ihrer Vertreter als die Bürger der USA über ihre. Die Europäer wissen wahrscheinlich sogar mehr über die USA als über Europa.

Dubiose Projekte: Diese Förderungen sehe ich sehr viel positiver. Solche Projekte werden immer mal wieder in der Presse verspottet, ohne dass sich jemand die Mühe macht, mal nachzulesen, was es damit auf sich hat. Das hat einen stark negativen bias. Nach dem Motto, mit der EU kann man es ja machen. Ich finde das sehr schade.

Wir Europäer haben da etwas Gutes zustandegebracht, inzwischen auch deutlich demokratisiert. Wir sollten endlich anfangen, das Europäische Parlament, den Rat, die Kommission als unsere Vertretung anzusehen und uns für sie interessieren.

1 „Gefällt mir“

Gerade einen Artikel im Spiegel gelesen, der die im Draghi-Report identifizierten Mängel etwas anschaulicher macht.

Dabei geht es um ein Start-Up, das aus verschiedenen Gründen aus dem Silicon Valley wieder nach Deutschland kommt. Dabei wird auch über die Schwierigkeiten hier berichtet, Investoren zu finden. Letztlich haben sie eine Förderung von 4 Mio Dollar erhalten von einem US-Unternehmen TQ Ventures, CDTM Venture Capital und Sandberg Bernthal Venture Partners, der Firma der früheren Facebook- und späteren Meta-Vorständin Sheryl Sandberg.

Eine der Gründerinnen (Lena Voß) berichtet

Als Furo [Name des Start-Ups] die Finanzierungsrunde abschloss, telefonierte Voß kurz mit einem der US-Geldgeber. »Okay, Lena, passt das jetzt alles?« – »Ja, passt.« Ein Dokument, eine Unterschrift. »Einen Tag später war das Geld auf dem Konto.« In Deutschland, sagt sie, hätten erst alle Investoren einzeln zustimmen müssen. Anschließend war ein Notartermin fällig, zu dem entweder alle persönlich erscheinen oder Vollmachten vorlegen mussten. »Und dann sitzt du dort zwei, drei Stunden, bis der Notar wirklich jedes Wort vorgelesen hat.«

Ein Hauptproblem neben dem fehlenden Kapital sei die rechtliche Zersplitterung des Kontinents, etwa für Buchhaltung, Mitarbeiterbeteiligung sowie Steuer- und Arbeitsrecht. »Versuchen Sie mal, Mitarbeitern in verschiedenen europäischen Ländern Aktienoptionen zu geben, die überall anders versteuert werden«, sagt sie. Das sei ein Albtraum.

1 „Gefällt mir“

Ja, der Artikel ist mir auch aufgefallen :slightly_smiling_face:.

Ich fand es aufschlussreich, was die jungen Leute berichten.
Dass viele Regelungen in Europa noch vereinheitlicht werden müssen, wird immer wieder deutlich. Gerade in der IT ist länderübergreifende remote Arbeit die Regel, ebenso wie die Verständigung auf englisch, die in Deutschland etwas stottert.

Die EU ist aber dabei, zb Arbeitsrecht zu harmonisieren. Was als „Brüssels Bürokratie“ verschrieen ist, ist häufig nötig, um europäische Integration zu ermöglichen.

Was noch beschrieben wurde, ist der finanzielle Anreiz in den USA. Für die IT ist dort mit viel Staatsunterstützung Industriepolitik gemacht worden, während die bros jetzt, da sie Monopole haben, das Libertäre predigen. Von Europa fließt Geld und brain dorthin, sie saugen es auf.

Die Hemdsärmeligkeit, die im Artikel beschrieben wird, hat auch ihre Schattenseiten.
Dass ihnen dort alles finanziert wird, was sie so vorhaben, ist eine Folge von Monopol, Staatsunterstützung und Kapitalwanderung, zT in einer Blase. Sie waren auch nicht selbstständig, sondern angestellt. Das US Arbeitsrecht verbietet ihnen idR, das erworbene Wissen anderweitig zu nutzen, während das, was sie einbringen, hoch willkommen ist. So wandert europäisches Knowhow über den Teich.

Ein Aspekt ist auch die Überhöhung der US Unternehmen in der europäischen Wahrnehmung. Wer in Geld schwimmt und Monopole hält kann gut erfolgreich sein und kluge Leute anziehen.

Aber das Arbeitsrecht ist in den USA auch von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich, ebenso die Aktiengewinne, die in den USA nach der Bundessteuer auch noch einer Steuer durch die Bundesstaaten unterliegen.
Ich habe den Artikel im Spiegel nicht gelesen, insofern weiß ich natürlich nicht, was darinsteht. @Kalo kannst du den Spiegelartikel mal bitte verlinken.

Hier der link, ich habe es mit archive gelesen: Deutschland statt Silicon Valley: Warum ein Gründerteam nach München zurückkehrt - DER SPIEGEL.

1 „Gefällt mir“

Ich halte ja Industriepolitik für richtig, das machen die USA in den „klassischen“, wie Luft- und Raumfahrt.

Firmen wie Alphabet, Microsoft, Apple, Amazon, Meta, Tesla haben es meines Wissens aber auch ohne Subventionen geschafft.

Das ist in erster Linie eine Folge der immens hohen Erwartungen der Investoren. Ob das wirklich nur eine Blase ist, wird sich erst in Jahrzehnten zeigen. Die Dotcom-Blase, die immer wieder gerne als Beispiel angeführt wird, war eigentlich keine Blase, nur ein kleiner Zwischengipfel auf dem Weg zum heutigen Stand. Hier die Entwicklung des Nasdaq:

Das habe ich anders gelesen.
Auch das mit der Blase ist mir mehrfach untergekommen, nicht nur wegen dotcom.
Ich werde beides mal nachforschen, aber für heute hatte ich mit pax silica ordentlich zu tun :face_with_spiral_eyes::wink:

Nicht Bananen, Gurken !

„Die sogenannte Gurkenverordnung stand synonym für eine als bevormundend empfundene „Eurokratie“, für Regelungen, die nicht den (schlecht normierbaren) Geschmack als wesentliche Eigenschaft eines Lebensmittels in den Vordergrund stellten, und diente Europakritikern und Kabarettisten zwanzig Jahre lang als gängiger Beleg für ungehemmte Regelungswut der europäischen Verwaltung.“

Die orientalischen Migranten haben sich in Deutschland sehr gewundert, dass es hier nur grade Gurken gab. Die kannten sie aus ihrer Heimat nicht und waren ihnen suspekt. Inzwischen verkaufen türkische Geschäfte bewußt krumme Gurken.

1 „Gefällt mir“

Zu den Subventionen:
Musk steht da offenbar an erster Stelle:
https://www.washingtonpost.com/technology/interactive/2025/elon-musk-business-government-contracts-funding/

Zu den anderen tech bros habe ich jetzt nichts aufschlussreiches zu den Anfängen gefunden, außer dass sie zT Geld und Beziehungen durch die Familie hatten.

Gerade die neueste technologische Entwicklung wird aber aktuell massiv unterstützt:

https://www.cnbc.com/2025/06/20/tax-breaks-for-tech-giants-data-centers-mean-less-income-for-states.html

Allerdings werden die Zahlen nicht ganz offengelegt:

Blasenrisiko:
Für die Investitionen nehmen die Tech-Unternehmen zusätzlich hohe Schulden auf, und das für Anleger nicht transparent:

Die hohen Schulden können bei höherer Inflation zum Verhängnis werden:

Und dann noch das Karussell: KI-Blase: OpenAI und Nvidia im risikoreichen Milliardenspiel | DWN

Hier habe ich noch einen interessanten Artikel gefunden, in dem es darum geht, wer nach dem Zusammenbruch der Blase übrigbleiben würde: https://medium.com/@marc.bara.iniesta/the-picks-and-shovels-trap-ais-200-billion-subsidy-for-big-tech-de1d216ce9ad (ein bisschen wie die „Reise nach Jerusalem“)