Ist es nicht, es sei denn, du hättest dich im Ausdruck vergriffen, dann kannst du das korrigieren. Du schreibst ganz klar, dass die Verurteilung des Angriffskrieges für dich eine aggressive Politik sei. Löse das bitte auf bzw. erkläre es. Das tust du dann so:
Es ist ein Unterschied, ob ich jemandem eine einmalige Verfehlung immer wieder unter die Nase reibe („Du hast damals deine Frau geschlagen…“), ober bei einem anhaltenden Verbrechen („Gestern hast du schon wieder, wie in den letzten Jahren, deine Frau geschlagen“) immer wieder daran erinnere. Dies zu verschweigen führt genau dazu, dass der Status Quo akzeptiert wird. Das Musterbeispiel dafür haben wir in diesem Konflikt mit der Annexion der Krim. Dieser Tabubruch führte zu einem kurzen. lauten Aufschrei und sollte dann mit Verhandlungen und Zugeständnissen (gerne die Beurteilung von Minsk I+II in nachlesen) fast schon normalisiert werden. Ich erinnere mich an Präsidenten und Ministerpräsidenten aus ganz Europa bzw. Ostdeutschland, die nach einigen Jahren immer wieder die Lockerung der (ohnehin laschen) Sanktionen gegenüber Russland ins Spiel brachten oder sogar lautstark forderten. Oder Nordstream II befürworteten. Oder, oder, oder…
Das Signal, das Putin und Russland damit gesendet wurde, war doch mehr als deutlich: „Hat ja gut geklappt, mit der Krim (und Georgien, und Syrien, und Tschetchenien…), und mit dem Donbass sieht’s auch nicht schlecht aus. Mit der Pillepalle-Reaktion des Westens kann man doch gut leben!“. Weiterer Beleg: Das Getreideabkommen unter Vermittlung der Türkei. Man hätte es unter identischen Bedingungen fortsetzen können, was war schlecht daran? Aber Russland hat die Bedingungen gestellt hinsichtlich der Sanktionen (u.a. Wiederaufnahme einer Bank ins SWIFT-System), wollte seine Situation also verbessern und nutzt somit Hunger als Waffe. Und reagiert mit der Bombardierung von Schwarzmeerhäfen, weil es nicht bekommt, was es will. Die „Verhandlungs-Logiker“ werden nun sagen: „Ja, ist doch klar, gebt doch Putin was er will, kann man doch nachvollziehen, dann bekommt ihr auch euer Getreideabkommen“. Solches Verhalten kann in Einzelfällen aus humanitären Gründen geboten sein (analog zu Geiselnehmerforderungen*), führt aber stets zu einer seltsamen Form der Legitimation und Bestärkung bzw. Einladung zu weiterem, verbrecherischen Verhalten.
*kleiner Exkurs zum Thema Geiselnahmen: Das Judentum, insbesondere aber der israelische Staat, wurde seit den 1960er-Jahren stark damit konfrontiert (Soldaten und/oder Zivilisten in der Hand von terroristischen Gruppen) und hat sich mit folgender Entscheidung sehr erfolgreich dagegen gewehrt: Irgendwann entschied sich der Staat Israel, grundsätzlich keine Geiseln mehr auszulösen/freizukaufen. Die bis heute existierenden Fälle sind extreme Ausnahmen. Das hat - nach anfänglichen „Tests“ der Gegenseite - dazu geführt, dass heute kaum mehr Israelis/Juden als Geiseln genommen werden, weil die EntführerInnen i.d.R. wissen, dass ihr Ziel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu erreichen ist. Durch diese Maßnahme wurden mutmaßlich hunderte oder tausende Menschenleben in Folge nicht ausgeführter, zukünftige Geiselnahmen und Terroranschlägen verhindert.