@DrakonDiB
Der Vortrag ist durchaus interessant - allerdings halte ich ein - für die Vortragende wichtiges - Argument für im Ansatz falsch - sie behauptet, dass der Populismus eine Folge der Bankenkrise war - das ist m.E. ein genereller Fehler, den die Politik aber auch viele, die über alle möglichen Probleme referieren, mitmachen…
Die Logik geht so: Die Regierenden versprechen etwas → was sie aus vielerlei Gründen nicht halten können → die Enttäuschung im Volk ist entsprechend groß → das Volk wendet sich dem Populismus zu - Als Beispiel nennt sie die Orbanisierung Ungarns, wo man dem ungarischen Mittelstand den Euro versprach - der dann aber auf sich warten lies - und der ungarische Mittelstand anschließend einem Orban nachlief, der wegen des gescheiterten Eurodeals („Europa ist die Zukunft“) dann „Ungarn ist die Zukunft“ propagierte …
Ich halte die Analyse für falsch, da es (wie bereits weiter oben von mir kritisiert) von einem Staatskonzept ausgeht, wo die Bürger von ihrem Staat gut - oder eben auch schlecht - betreut wird, und Fehler des Staates dann - scheinbar nachvollziehbar - „zwangsläufig“ zu einer Bürgerlichen Fehlentscheidung führen muss…
Richtig ist doch, dass in der Demokratie die Bürger der Staat sind - sie haben „Angestellte“, die - entweder selbst als Experten oder zumindest von den Experten beraten - die Bedürfnisse der Mehrheit versuchen umzusetzen - in der Demokratie ist also die Politik nicht die entmündigende betreuende Instanz - sondern das ausführende Organ …
Wenn nun die Entscheidung für das Personal bzw. die Partei, die das Personal stellt, sich als Fehlentscheidung herausstellt, dann ist diese Entscheidung zu revidieren - aber auch bei neuem Personal liegt die Verantwortung beim Volk und nicht bei der Politik - wenn sich also das Volk für einen Populisten wie Orban - oder bei uns Höcke und die AFD entscheidet - dann ist der Verantwortliche dafür ausschließlich der Wählende - und nicht die Vorgängerregierung - wenn also der Wählende sich dafür entscheidet, zur Provinzialität statt zu Europa zurückzukehren - dann ist das demokratisch genau das, was die Mehrheit eben will …
Der Gedanke, alle Staaten sollten erst mal aus dem bisherigen Europa austreten, und dann eine verfassungsgebende Versammlung aller 500 Mio. Europäer ins Leben rufen, um dann endlich statt des „Europas der Regierungen“ ein „Europa der Bürger“ zu initiieren - scheitert daran, dass wir das heute bereits haben - das „Europa der Regierungen“ haben wir genau deswegen, weil das europäische Volk das mehrheitlich so will - sonst hätten wir längst Parteien, die so was erfolgreich angeboten hätten…
Brexit als Beispiel ist genau das gleiche - das war nicht das Ergebnis von Boris Johnson und den Hintermännern - sondern von einer Abstimmung, die mündige Bürger mehrheitlich bestätigt haben - Die englischen Bürgern bekommen also genau das, was sie - mehrheitlich - so wollten…
Dazu gehört auch die von ihr ziemlich zum Schluss (aus meiner Sicht - theoretisch - zu Recht) geforderte Rechtsgleichheit der Bürger - das will wohl die Mehrheit noch gar nicht - es ist zwar, wie sie sagt, „einfach argumentierbar“ - aber weder die Deutschen noch die Ungarn wollen das (mehrheitlich) …
Ganz problematisch ist das Konstrukt, eine europäische Ordnung auf Ebene Städte zu machen - sie weist als „Argument“ auf die „Verwurzelung“/„Identität“ hin, weswegen auf dieser Ebene eine Einigung „einfacher“ ist - dabei ist gerade auf dieser Ebene alles viel schwieriger, weil gerade der Regionalproporz nicht auf Einigung, sondern auf Konkurrenz ausgelegt ist …
Bei China ist das natürlich anders, weil China keine Demokratie ist - aber auch hier hat der einzelne Bürger in jeder Minute seines Lebens eine individuelle Wahl - als es das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens gab, hätte jeder Chinese die Entscheidung treffen können, sich von so einem menschenverachtenden System nicht regieren zu lassen, und sein eigenes Leben notfalls zu opfern, um diesen unsäglichen Zustand zu beenden - nicht zuletzt deswegen definiert eine Gesellschaft Vorbilder wie Sophie Scholl und andere, weil - unter der Bedingung, dass es einen freien Willen tatsächlich gibt - jeder diese Entscheidung treffen und für die Folgen seiner (und natürlich auch ihrer) Entscheidung auch einstehen muss …
Interessant wäre also die Frage an die Soziologin, wie sie es mit dem „freien Willen“ genau hält - oder ob sie diesen bestenfalls nur als Mittelwert eines Parameters in ihre Betrachtungen einfließen lässt, ohne sich über die notwendige Änderung dieses Parameters Gedanken zu machen …