Dann mache ich mal meine Senftube auf.
Den Thread- / Gedankenansatz finde ich gut. Weniger gut finde ich, dass es schnell wieder in diesen Absolutismus abgleitet: entweder-oder, schwarz-weiss, alles-nix.
Dass die Menschen (nicht alle, aber die grosse Masse) gerne und mehr den ÖPNV nutzen möchten und würden, hat unser kleiner Ausflug ins D-Ticket gezeigt: 9,- € geil, ganz Deutschland geil, volle Züge doof.
Die letzte Erhöhung von 49,- auf 58,- € hat 1 Mio Nutzer:innen vergrault. (Deutschlandticket verliert nach Preiserhöhung eine Million Nutzer – Bahnblogstelle)
Den meisten Leuten wird es sicherlich wie mir gehen. Zwei Beispiele:
- Mein regulärer Arbeitsweg beträgt 20 km in die Nachbarstadt. Nachts um 02:00 benötige ich 20 min., in der Rushhour 45 min. Mit den Öffis käme ich nachts gar nicht hin, tagsüber in ca. 50 min. Das ist keine Alternative, helfen könnte ein Ruftaxi.
- Mein Sohn lebt 300 km entfernt in Niedersachsen. Unter den aktuellen, beschi…enen Bedingungen braucht man mit dem PKW mindestens 3,5 h wegen Stau und dichtem Verkehr. Mit der Bahn, 2x Umsteigen, benötige ich nur ½ h länger. Vorausgesetzt es bleibt bei 1x verzögerte Bereitstellung + 1x Weichenstörung in Uhlenbusch.
Zu 1) habe ich keine Alternative, zu 2) entscheide ich mich immer für die Bahn, weil die 30 min. vertretbar sind und ich die Zeit gut nutzen kann. Statt auf die Rücklichter des Vordermanns zu glotzen, kann ich auf dem iPad geistreiche
Beiträge im Grüne-Forum schreiben.
Ich will sagen: Wenn es ein quantitatives UND funktionierendes UND günstiges Angebot gibt, nutzen die Leute das freiwillig und gerne.
Ich plädiere für einen kostenfreien ÖPNV, weil eben langfristig die Einsparungen und Vorteile grösser wären. Da das aber wohl nur schwer bis gar nicht den meisten Bürger:innen und fast allen Politiker:innen und definitiv allen Lobbyisten aus der Automobil- und Ölbranche zu vermitteln ist, hier mein Ansatz für eine unterstützende Finanzierung. Ich verstehe überhaupt nicht, warum so etwas nicht auf verantwortlicher Ebene diskutiert wird. Auch dort nur entweder-oder.
49,- €-Ticket
Gültigkeit im gesamten ÖPNV Deutschlands + ausgewählte Grenzregionen
Jahres-Abo: 600,- → verlängert sich automatisch ohne Kündigung
30-Tage-Ticket: 60,- → endet automatisch
7-Tage-Ticket: 20,- → endet automatisch
24h-Ticket: 10,- → endet automatisch
3h-Ticket: 5,- → endet automatisch
1h-Ticket: 2,50 → endet automatisch
Warum es keinen 100 %igen Ersatz für Individualverkehr in diesem Jahrhundert geben kann:
- O.g. 49 Mio PKW sind ja nicht nur Privatautos. Meiner ist beim Strassenverkehrsamt auch privat, aber in der Steuererklärung zu 80 % dienstlich.
- Die Pflegedienste mit ihren tausenden Miniflitzern finden sich alle in der Statistik wieder.
- Genauso die vielen Aussendienstler:innen mit täglich 300 km und sechs Kundenbesuchen. Wie soll das mit Bus, Bahn, Ruftaxi funzen?
- Wenn meine Mutti anruft und sagt „Der Deckenschnupsi ist gestern kaputt gegangen“, mache ich mich mit Handwerkzeugstasche, Klappleiter und mässiger Motivation auf den Weg. Da möchte ich die Uber-Fahrerin mit ihrem Toyota-Corolla sehen, wenn ich mit dem Zeug am Strassenrand stehe.
- Meine Nachbarin muss wegen absoluter Lebensgefahr ihres Kätzchens in die Tierklinik und dann hat Heinz von Taxi-7xdie5 Katzenhaarallergie.
Man kann das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Investitionen gehen Gewinnen voraus. Wenn wir weniger Individualverkehr wollen, müssen die Alternativen vorher da sein.
Das heisst aber eben auch, heute viele Milliarden investieren, damit spätere Generationen und Regierungen davon profitieren. Letzteres ist das einzige Problem. Wir haben Geld wie Sau! Wer das Gegenteil behauptet, steckt nicht im Thema oder dreht sich die Fakten alternativ schön.
Man hat immer eine Entscheidungsmöglichkeit. Ich kann mich für den Ausbau der Bahnstrecke von zwei auf vier Gleise stark machen oder für die besorgten Bürger die fürchten, ihr Gartengrundstück wird dadurch weniger wert.
Ich kann den Verkehr aus den Innenstädten verbannen (Paris, Amsterdam, Oslo) oder die Stadtautobahn ausbauen (Berlin).
Der Kaiser soll gesagt haben „Infrastruktur kostet immer Geld.“ Und so ist es! Man kann damit kein Geld verdienen, es kann sich nicht rechnen.
Alle (!) Beispiele weltweit beweisen das. Egal ob Verkehrswege, Kanalisation, Telekommunikation, Gesundheitswesen wie Krankenhäuser, Feuerwehr, etc., pp.
Einsparungseffekte sind, wenn überhaupt, immer nur kurzfristig. Die Nachteile, gar Gefahren und Kosten explodieren exorbitant.
Und nun die Antwort / Un-Lösung zur ursprünglichen Frage " Was man mit dem Geld das uns Individualverkehr kostet machen könnte": Ein geiles Leben!
Man wird die meisten Einsparungen nicht sehen, bzw. konkret berechnen können:
- Meine frei gewordene Zeit durch weniger Stau und Parkplatzsuche, nutze ich nun um mit meiner Liebsten zu streiten
oder mit den Kids zu tollen.
- Der Asthmatiker braucht weniger Medikamente.
- Erna hat weniger Depressionen, weil ihre Strasse grüner und belebter wurde.
- Man verliebt sich in der Strassenbahn.
- Statt einen Zweitwagen zu kaufen, fliegt man auf die Seychellen.

Es gibt ungezählte Studien, dass uns der Verkehr in dieser Intensität nicht gut tut. Er kostet eben nicht nur Geld, was man dann anderweitig nutzen könnte, wenn man die Strukturen oder Verkehrsmittel ändert. Es gibt etliche weitere gute Effekte, wie die Gesundheit und den Umweltschutz.
Ich würde somit den Fokus nicht nur aufs Geld legen und besonders die anderen Vorteile hervorheben sowie Gefühle ansprechen.