Vor vermutlich 10 Jahren, war ich auf einer Konferenz und habe eine Vortrag gehört, der mir zum ersten mal die Überwachungstechnologien im Internet erläutert hat. Das war ein ziemlicher Augenöffner.
Zusammenfassung des Problems
Das Internet besteht aus Servern, die nach einem bestimmten Protokoll (HTTP / HTTPS) auf Anfragen die Daten einer einzelnen Webseite liefern. Diese Server und dieses Protokoll sind erstmal strohdoof. Jeder Anfrage wird wie die erste Anfrage behandelt. Es gibt keinerlei Kontext. Ob 100 Menschen 100 Seiten aufrufen oder ein Mensch 100 Seiten weis der Server nicht.
Nun gibt es aber eine Menge Anwendungen für die das blöd ist:
Ich möchte was bestellen. Also muss der Server sich meinen Warenkorb merken.
Ich bin auf der Seite meiner Bank und muss mich natürlich anmelden, bevor ich meine Kontodetails abrufen kann. Diese Anmeldung muss der Server sich auch merken.
usw.
Dafür gibt es Cookies: Beim ersten Aufruf oder beim Anmelden speichert mein Browser eine kleine Datenstruktur auf meinem Rechner (den Cookie). Diese Struktur wird bei Anfragen meines Browsers beim Server mitgeliefert. Damit kann der Server erkennen, das die Anfrage von dem gleichen Rechner kommt und mir meinen Warenkorb oder mein Konto anzeigen.
So und jetzt kommt die Dotcom-Blase und alle suchen Fieberhaft nach einer Idee Geld zu verdienen. Die Antwort war: Werbung!
Früher wurde Werbung in Zeitschriften verkauft. Man hat die Werbung bei der FAZ gekauft und konnte einfach anhand von Auflage und einem gedrucktem Exemplar sicher sein, das die Werbung auch an die Leser verteilt wurden. Im Internet hat man aber keine externe Kontrolle mehr. Wenn die Werbung vom Webserver der FAZ verbreitet würde, könnte die FAZ die Anzahl der Aufrufen manipulieren. Daher kommt die Idee die Werbung von einer anderen Firma anzeigen zu lassen. D.h. man ruft eine Webseite der Süddeutschen auf und dadurch wird von dem Server einer Werbungsfirma eine Anzeige geholt und mit angezeigt. Das ist immer noch ein legitimes Geschäftsmodell.
Aber jetzt kommt es: Die Werbungsfirma setzt auch einen Cookie auf deinem Rechner. Dieser Cookie ist nicht an die Webseite gebunden, die du gerade anschaust sondern nur an die Werbefirma (also z.B. Google oder Facebook). Wenn aber egal auf welche Webseite du gehst überall dieses Cookie von deinem Rechner abgerufen wird, entsteht ein Profil aller von Dir aufgerufenen Webseiten. Und dieses Profil ist viel Geld wert, wie wir alle gelernt haben (siehe die Börsenkurse der Firmen des Überwachungskaptialismus ).
Wir wissen heute, das diese Profile nicht nur personalisierte Werbung erlauben. Es können auch Schwangerschaften, sexuelle und politische Präferenzen daraus abgeleitet werden.
Legitimes Interesse
Im Kern besteht das Problem jedoch darin, das es ein legitimes Interesse daran gibt, auszuwerten, wie viele Personen eine Werbung gesehen haben. Werbung finanziert viele Dienste. Das war schon vor der Erfindung des Internet so. Gedruckte Zeitungen haben sich fast immer zum Teil über Werbung finaziert und werbende Firmen benötigen einen Nachweis der Reichweite ihrer Werbung (siehe oben).
Das verbieten von Cookies (oder die Abschaffung der selben durch neue Browser) löst das Problem nicht. Solange ein Markt besteht bringen Verbote nur kurzfristig Entspannung. Google wird in seinem Browser die Nutzung von Cookies einschränken - aber erst wenn Sie eine andere Technologie haben das gleiche Tracking zu gewährleisten.
Lösung
Doch es gibt einen Ausweg: Das legitime Interessen die Reichweite von Werbung zu messen, kann auch DSGVO-konform befriedigt werden: Werbefimen in Europa könnten dazu gezwungen werden nur Daten von einzelnen Webseiten zu erfassen und keine Profile zu erstellen oder zu verkaufen. Wenn man dies mit einer Entsprechenden Zertifizierung und Prüfungen der Software sicherstellt, kann man auch die Publikatinen zwingen nur solche Werbefirmen zu nutzen, die diese Zertifizierung haben.
Ich bekomme ja als Übersetzerin ständig Texte aus den unterschiedlichsten Themenbereichen zum Übersetzen. Oft muss ich dann einzelne Fachbegriffe recherchieren und besuche dazu sehr viele verschiedene Webseiten. Ich vermute mal, dass mein Profil extrem verwirrend aussieht. Ich interessiere mich anscheinend für Förderbänder und Abfallverwertung genauso wie für Landwirtschaft, Hafenlogistik, Kugellager und Einzelhandel.
Ich brauche mich also nicht zu wundern, wenn mir demnächst eine Drohne von TheShop einen rosafarbenen Delfinvibrator bringt (Qualityland – Wikipedia).
Ja, das ist unfassbar witzig. Zwei Freundinnen von mir übersetzen auch und wir haben immer viel Freude mit Schweißraupen und „zündet man in den Mund“ gehabt.
Machen wir eine Chit-Chat-Gruppe auf. Da kann dann über das Leben, das Universum und den ganzen Rest geschrieben werden. Wäre auch in guter Titel für die Gruppe. Vielleicht etwas.
Ja, sorry. Ich habe mich nur gefragt, inwieweit man durch erratisches Aufrufen unterschiedlichster Webseiten das Erstellen von Profilen erschweren kann.
Vielleicht mehr zum Thema passend, mein jüngstes Gruselerlebnis: Ich arbeite seit ein paar Tagen wieder mal auf einer archäologischen Ausgrabung und sollte mir Sicherheitsschuhe kaufen, weil wir oft dicht neben dem Bagger stehen. Ich hab also Schuhe aus dem Baumarkt geholt (nicht online). Die sind richtig schwer mit Stahlkappe und Stahlsohle, sodass ich am Ende des Arbeitstags kaum noch meine Füße heben kann.
Ich hab dieses Problem nirgendwo schriftlich geschildert (hier jetzt das erste Mal), nur ein oder zwei Leuten mündlich davon erzählt, ich habe auch nie online nach Arbeitsschuhen gesucht. Und plötzlich bekomme ich auf Facebook ständig Anzeigen zu sehen für Arbeitsschuhe für Frauen („leicht und bequem“). Nie zuvor hatte ich die Anzeigen. Wie geht das? DAS gruselt mich richtig!
Es geht nicht um die Werbung. Es geht im wesentlichen um zwei Gefahren:
Die Algorithmen des Überwachungskapitalismus sind allein darauf ausgerichtet uns so lange wir möglich auf den Plattformen zu halten. Darauf werden die Neuronalen Netze trainiert. Im Ergebnis werden vielen Menschen immer extremere Inhalte angezeigt, dir ihrer Meinung entsprechen. Das führt zu einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft.
Wissen ist Macht. Wenn ich analysieren kann wer welche Partei wählt und wer noch unentschieden ist, kann ich gezielt demotivierende Werbung nur für die Anhänger der „gegnerischen“ Partei schalten und gleichzeitig jedem unentschiedenen Wähler das versprechen, was seinem Profil am besten entspricht. D.h. ich kann auch „schärfere Waffenkontrolle“ UND „Maschinengewehre für alle“ versprechen - sieht ja nur die jeweilige Zielgruppe. Das ist Wahlmanipulation.
Die Erklärung oben über die Werbung bezieht sich nur auf den Weg auf dem diese Dinge entstanden sind und auf das ursprüngliche legitime Interesse, der Firmen, die für ihre Produkte werben wollen.
Wenn man diesen Firmen einen rechtskonformen Weg für die Überprüfung der Reichweite ihrer Werbung anbietet und gleichzeitig das Erzeugen von Persönlichkeitsprofilen unter Strafe stellt, kann man den Informationskapitalismus eindämmen.
Dann befindest du dich aber in ständigem Wettlauf mit einer Industrie, die tausende Entwicker damit beschäftigen kann, deine Maßnahmen zu umgehen (also in diesem Fall, in dem halt immer neue Domainen verwendet werden.)
Es gibt kein aber, außer unsere Regierung macht neue Gesetze, dass Domainumleitungen und Webseiten mit 3rd Party links verboten werden, bzw. jeder Aufruf aus einer website vom Benutzer freigegeben werden müssen.
Ein usercentric Betriebssystem mit Anwendungen ist überfällig.
Problem gelöst:
Ich liebe meinen Berufsstand. Ich habe gerade gelernt, das Mozilla (Firefox) das Problem mit den Cookies gelöst hat. Und zwar für alle Nutzer von Firefox per Default: Total Cookie Protection
Einfach gesagt: Das Problem das Cookies missbraucht werden, um ein Internet-Bewegungsprofil (und damit ein Persönlichkeitsprofil) von uns zu erstellen, wird dadurch behoben, das für jede Webseite alle Cookies isoliert werden. Damit gibt es keine Cookies mehr, die Besuche mehrer Webseiten zu einem Profil verknüpfen können. Fazit: Firefox installieren und wenn man gefragt wird, den Cookies einfach zustimmen.
Das ist schon Werbung einer Firma.
Allerdings ist das open source und kann auch auf einem discourse server lokal installiert werden.
Wer sich um Privatsphäre und dsgvo kümmert, könnte damit schon was anfangen.
Bei mir ist GA sowieso in der Block list, so dass mein Netzwerk da keine Verbindungen aufnimmt.