Tattoos im Bundestag: welche Rolle spielt die Optik eines Politikers?

Hier ein Gegenbeispiel, noch gar nicht so lange her: Alberto Catanese: Warum das Netz den Anatomie-Professor feiert | STERN.de

Unter den unzähligen Kommentaren bei Instagram und X/Twitter waren kaum welche die Herrn Caranese Bildungsmangel oder soziale Unterschicht unterstellt haben, oder sich allgemein ablehnend äußerten.

Ich selbst tatsächlich nicht, aber ich beobachte, dass manche das haben. In meinen Augen hat das kaum etwas mit rechts/links, gebildet/ungebildet oder einer bestimmten Branche zu tun - sondern recht deutlich fast ausschließlich mit alt/jung. Die Gesellschaft hat sich da von deiner zu meiner Generation ein Stück weit weiter entwickelt. Und Heidi Reichinnek ist glaub ich eher in meinem als in deinem Alter, oder?

Die Korrelation mag es (noch) geben. Aber bei U40 wird sie sicher deutlich weniger ausgeprägt sein. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis finden sich Lehrer, Unternehmensberater, Psychologen, sogar Anwälte die mindestens so viel Tattoos wie Heidi Reichinnek haben - und die sind ganz normale Familienväter, Chorsänger, Hobbyfußballer, Elternvertreter … gewöhnliche Mittelschicht.

Es vermittelt mir weder einen positiven noch einen negativen Eindruck. Bei Gesichtstätowierungen, die so stark sind, dass die Mimik schwer zu erkennen ist, mag das nochmal was anderes sein, weil es dann unweigerlich auch die Kommunikation mit demjenigen beeinträchtigt.

Da redet die ganze Zeit jemand. Also was nun, arbeiten oder zuhören?

Aus dem Jahr 1918. Mit etwas mehr Kontext:

Ihr stumpfen Schergen! Eure »Ordnung« ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon »rasselnd wieder in die Höh‘ richten« und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden:
Ich war, ich bin, ich werde sein!“
Will Reichineck eine Revolution und traut es sich nicht zu sagen?

Du kennst den Unterschied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft?

ja die gibt es natürlich.
Aber die Ausnahme beweist hier die Regel.
Über ihn wird berichtet, auch WEIL er tattoos hat. D.h. er ist der Einzelfall, nicht die Normalität.
Und an einer Uni ist das nochmal ein anderes Ding als im Vorstand eines großen Unternehmens.

denke ich auch. Ich will ein Gefühl dafür bekommen, WIE weit.
Bist Du tätowiert?

liegt das vielleicht an Deinem Freundeskreis?

Es ist auch ein Unterschied, ob man meinen tätowierten Rücken im Schwimmbad sieht oder meinen tätowierten Hals beim Gerichtstermin.
Schwimmbad ist kein Problem. Gericht eher schon.
Sind Deine Freunde sichtbar oder „unsichtbar“ tätowiert?

Vielleicht hätte ich das „dann“ fett drucken sollen? Es bezog sich auf den Vorschlag, dass man die Redezeit verkürzen sollte.

Wenn sie das meint…

zumindest denkt man aber spontan an die derzeitige Ordnung, oder?

Hier noch mal das Original

zurück zum Thema:
Optik, Tattoos, Bewertung von Personen, insb. Politikern.
Abhängig von Alter, Beruf, Umfeld?

Das Tattoo von Thessa Ganserer fand ich schlimmer:

Rosa Luxemburg hat doch was. Ist immerhin ein Statement.

Die Linke hat 112 000 Mitglieder- wow- die holen die Grünen bald ein.

Wenn das das Thema sein soll, würde ich an deiner Stelle die Überschrift entsprechend ändern.

Nein, bin ich nicht.

Möglich, wobei mir das auch in Kreisen auffällt, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe.

Welches Problem siehst du da bei Gericht? Dieser Anwalt zum Beispiel präsentiert seine vollflächigen Armtattoos recht offensiv: Rechtsanwaltskanzlei mit Fachanwaltschaft für Strafrecht, Sozialrecht und Verkehrsrecht

Das kommt ja auch sehr auf die Kleidung an und jetzt im Sommer ist da meist mehr sichtbar. tattowierte Arme, Beine oder Schulter nehme ich als eher gewöhnlich wahr. Tattowierte Hände, Hals oder Gesicht fällt da schon mehr auf. Für Polizisten galt übrigens früher, dass Tattoos nur an Stellen sein dürfen die von der kurzen Dienstuniform verdeckt werden - auch das gilt in vielen Bundesländern so nicht mehr.

Und weils hier ja eigentlich um Politiker gehen soll, hier noch ein Beispiel aus dem rechten Lager: Wechsel in Potsdamer AfD-Fraktion : Frühere Tätowiererin wird neue Stadtverordnete. Auch bei ihrem Anblick empfinde ich kein Störgefühl (bezüglich der Optik, nicht des politischen Inhalts).

Ich finde Tätowierungen einfach albern.

Geht mir auch so. Zumal ich in jungen Jahren die Kurzgeschichte „Haut“ von Roald Dahl gelesen habe. Sie handelt von einem alten Tätowierer, auf dessen Rücken ein wertvolles Kunstwerk tätowiert ist, was zu einem skrupellosen Wettstreit unter Kunsthändlern führt. Seitdem finde ich Tätowierungen gruselig.
Da der Tattoo Trend wieder abgeebbt ist, glaube ich kaum, dass wir einen im Gesicht tätowierten Bundeskanzler bekommen.
Erstaunlich finde ich, dass mehr Frauen als Männer tätowiert sind:

„Jede vierte Frau in Deutschland ist tätowiert, bei den Mittzwanzigern bis Mittvierzigern sind es sogar mehr als 40 Prozent. Bei den Herren sind insgesamt weit weniger tätowiert (16 Prozent), am meisten sind es Männer zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig (24 Prozent).“ Lifestyle: Läuft der Tattoo-Trend in Deutschland aus? | DIE ZEIT

Ich habe immer gedacht, das sei eher ein Männer-Ding.

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Früher vielleicht. Aber das ist wohl Emanzipation. Ich habe kein Tattoo und vor allem diese großflächigen Tattoos finde ich abschreckend. Was mich allerdings abstößt, warum auch immer sind Nasenringe. Das ist etwas für Bären und Ochsen.

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Ich liebe Roald Dahl - was für sehr warme Nächte, wo einen beim Lesen ab und zu ein kalter Schauer den Rücken runter läuft. Die einzige Geschichte, mit der ich Zeitlebens ein Problem hatte, war die, bei der ein als Pfarrer verkleidete Antiquitätenhändler eines Tages eine legendäre Komode entdeckt, die er in seiner Habgier versucht möglichst günstig zu erwerben - mit wirklich schrecklich grausamen Folgen…

Aber zurück zum eigentlichen Thema: ich bin, was dieses Thema angeht, sehr empfindlich. Für mich ist das eine Form von Körperverletzung (nicht primär durch den Ausführenden, sondern seitens dessen, der sich freiwillig (Ab)stechen lässt.

Deswegen habe ich auch bei all den chirurgischen Eingriffen immer die Krise bekommen, auch wenn ich wusste, daß diese Eingriffe notwendig waren (und ich sie deswegen auch tatsächlich selbst wollte) - trotzdem habe ich das auch immer als groben Verstoß gegen die Unverletzlichkeit meimes eigenen Körpers empfunden.

Deswegen muss ich sehr aufpassen, nicht in hemmungslose psychologische Projektionen zu verfallen, wenn ich so was sehe…

Es spielt allerdings keine andere Rolle bei Politikern als bei KollegInnen, Chefs, Familienangehörigen.

Wenn das dann auch noch verbunden ist mit einer eindeutigen Botschaft, baue ich das schon in mein Bild dieser Person ein - so wie Körpersprache und Rhetorik eben auch…

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Übrigens in „Bis ich dich finde“ von John Irving spielen eine Tätowiererin und ein „Tintensüchtiger“ - also am ganzen Körper tätowierter Mensch - eine große Rolle. Anscheinend kann man Tattoosüchtig werden.

Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man sich ein lebenslanges Bild auf den Körper malen lassen kann, das man in 20 Jahren vielleicht gar nicht mehr leiden mag.
Außerdem verändern sich die Tattoos im Laufe der Zeit auch, wenn man z.B. dicker wird.
Ein Freund hat sich mit 25 Jahren eine Feder auf den Unterarm stechen lassen. Die ist nach 30 Jahren nur noch ein großer, schwarzer Fleck. Häßlich.
Hier Berichte über Frauen, die sich in ihrer Jugend ein „Arschgeweih“ haben stechen lassen. Die meisten waren später in ihrem Leben nicht so glücklich darüber.

das ist genau mein Punkt!
habt Ihr eine spontane, gefühlsmäßige, negative Reaktion bei stark tätowierten Menschen, was ihre Kompetenz angeht?
Bevor dann der Verstand kommt und sich selber erklärt, dass das diskriminierend ist usw usw.
@HarmsCar vertehe ich so, dass es diese Reaktion bei ihm gibt (und das will was heissen, er ist einer der selbstkritischsten, differenziertesten Menschen, die mir je begegnet sind).

Auch diese Beiträge gehen in diese Richtung:

Ich lese daraus ab, dass die Optik, wenn es um tattoos geht, bei manchen (vielen?) doch ein Faktor für die (erst)Beurteilung eines Menschen ist.
Rein verstandesmäßig wird diese negative Ersteinschätzung für mich auch dadurch verstärkt, dass die Tätowierten offenbar die langfristigen Folgen nicht bedenken.

Das spricht für mich für einen Mangel an Planung, an Vorausschau, an Selbstbeherrschung.
Wenn sich ein 15-jähriger tätowiert, gut, der ist 15 und das entspricht vermutlich seinem Reifegrad.
Wenn jemand das mit 30 macht, sehe ich das anders. Der müsste es besser wissen.

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Ich sehe das Problem, dass der Richter mit überwiegender Wahrscheinlichkeit wie @Harno oder @HarmsCar oder @ErnstBGi oder ich reagiert: kann ich diesen tätowierten Menschen wirklich ernst nehmen?
Damit schade ich als Anwalt meinem Mandanten, weil dessen Prozesschancen sich damit verringern.
Ich gehe zu Gericht, um meinen Mandanten zu helfen, nicht um meine Körperbemalung zur Schau zu stellen. Ich würde definitiv keinen sichtbar tätowierten Anwalt beauftragen, wenn der zu Gericht gehen müsste.

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Ich habe darüber länger mit jemandem gesprochen, der Mitte 30 ist und selber ein kleines, nicht sichtbares tattoo hat. Für den ist eine Tätowierung völlig normal, er hat kein Problem damit, einfach weil „alle“ eins haben.
Aber auch der sagte, dass er bei dem Reichinnek-Bild so eine gewisse innere Hürde empfindet, dass so jemand dann doch erstmal die Befürchtung entkräften muss, dass er/sie zB als Minister geeignet wäre.
Gut, mit 35 bist Du auch nicht mehr wirklich jung, vielleicht sehen dass die 18-Jährigen nochmal ganz anders. Keine Ahnung.
Aber die Welt besteht nicht aus 18-Jährigen, sondern gerade in D aus vielen älteren und alten Menschen. Wenn ich deren Vertrauen gewinnen will, tu ich mir mit sichtbaren tattoos keinen Gefallen. Insofern halte ich Reichinneks Auftreten für einen strategischen Fehler. Aber das ist nur ihr Problem.

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Aber!!
klar ist auch, dass diese Erstreaktionen weitgehend auf Vorurteilen beruhen, die aus einer Zeit stammen, als Tätowierungen noch eine andere Bedeutung hatten (verkürzt gesagt: Seemann, Drogen oder Knast :slight_smile: ).
Als ich 15 war (Ende der 70er) , kannte ich niemanden, der ein tattoo hatte, keinen einzigen Menschen.
Heute sind wahrscheinlich 40% der Menschen unter 40 tätowiert.
Die können rein statistisch nicht alle asozial oder unfähig sein.
D.h. die emotional bestehende Verknüpfung (zB bei mir) „viele tattoos = irgendwie merkwürdig und verdächtig“ hat sich überlebt. Die sollte ich mir abgewöhnen.
So eine Prägung ist bekanntlich nicht so leicht zu löschen, ich werde es aber versuchen.

In diesem Sinne würde ich das auch verstehen - und wenn ich Richter wäre bei einem Prozess, bei denen einer der Beteiligten so etwas aufweist, würde ich mich aus genau diesem Grund für befangen erklären. Das ist scheinbar auch Dein Credo, wenn Du so ein Mandat ablehnen würdest.

Das ist insofern immer noch wichtig, als es einen großen Unterschied macht, ob ich diese Befangenheit, die damit einher geht, selbst erkenne und zumindest versuche, so weit es in meinen Möglichkeiten steht, dieser Befangenheit entgegenzuwirken - oder ob ich das unbearbeitet als Kriterium für Entscheidungen verwende.

Insofern ist das Hauptproblem nicht das eigene Vorurteil selbst, sondern, wenn es zu keiner Erkenntnis über dieses Vorurteil kommt, aus dem man evtl. Gegenmaßnahmen ableiten kann.

Ganz krass wird dies erst bei der eigenen Existenz und deren Gefährdung, wobei ich nicht weiß, ob man bei Dingen, die im Kant’schen Sinne als apriori gelten, noch von „Vorurteil“ und „Befangenheit“ im obigen Sinne sprechen kann :thinking:

Wenn es um unsere Abgeordneten und deren Wahl geht, so sehe ich für mich durchaus ein Mittel, dem rel. effektiv entgegenzuwirken, indem ich das Programm und auch die Aussagen des Berwerbers um ein solches Amt betrachte, und letztlich als Entscheidungskriterium verwende.

Hier kommen dann auch die „eindeutigen Aussagen“ -so es welche gibt - eines Tatoos zum tragen. Sie vermitteln Botschaften jenseits des optischen Effekts eines Bildes hinaus.

Wenn also jemand einen Schriftzug „BRD ist eine Scheindemokratie“ als Teil einer Tätowierung präsentiert, dann gibt es entweder die Möglichkeit, dass das eine Jugendsünde war, die nur noch nicht ob des damit verbundenen Aufwandes korrigiert wurde - oder sie gibt immer noch die Überzeugung desjenigen wieder - dann würde ich ihn nicht wählen, und ich würde auch die Partei kritisch hinterfragen, die einen solchen Bewerber ins Rennen schickt…