die Frage nach der Mobilität hat mich auch ein wenig gedanklich beschäftigt.
Ich habe jetzt meinen 31. Umzug hinter mir. Im Prinzip immer der Arbeit hinterher.
Rutscht man in den Bürgergeldbezug wird es schwierig mit der Mobilität. Man kann dann nicht so einfach umziehen. Das SGB II schreibt vor, dass eine Umzugserlaubnis sowohl des bisher zuständigen Jobcenter für einen Wegzug (die prüfen die Notwendigkeit, wie zum Beispiel die Verringerung der Bedürftigkeit durch Arbeitsaufnahme) und das neue Jobcenter für einen Zuzug (die prüfen die Angemessenheit der neuen Wohnung in puncto Größe und Kosten), einholen muss.
Als ich die junge Ukrainerin nach Rostock verfrachten wollte, weil sie dort einen Ausbildungsplatz bekam, war das ein wochenlanger Heckmeck mit den Ämtern (so lange wartet kein Vermieter, bis sich die Ämter da ausgekekst haben). Alleine wäre ihr das mit der Sprachbarriere und einem gewissen (sozialen und ausländerfeindlichen) Rassismus der Vermieter nicht gelungen. Rostock bietet gute Jobmöglichkeiten, aber kaum bezahlbaren Wohnraum. Hier ist also das SGB II mit seiner ausufernden Bürokratie als Hemmschuh für einen sozialen Aufstieg anzusehen.
Ich bin bewusst nach Rostock gezogen, weil ich mir Gedanken um mein Einkommen machen muss. Im Dezember läuft mein Projektvertrag aus. In Vorpommern-Greifswald, wo ich vorher wohnte, gibt es für Best-Ager wie mich kaum berufliche Chancen. Um den sozialen Abstieg zu vermeiden (wieder Bürgergeld am Ende des ALG I) bleibt mir nichts anderes übrig, als mobil zu werden. Betrachte ich mir meine ehemaligen Nachbarn in meinem Alter, so wäre denen das nicht möglich, da sie viel zu tief verwurzelt mit Familie, Haus und sozialem Umfeld sind.
Mir fällt so ein Umzug relativ leicht, da ich durch meine Vita nie tiefe Wurzeln ausgebildet habe.
In jungen Jahren wäre ich noch flexibler gewesen. Da hätte ich mir weltweit Jobs angesehen.
Heute, als Best ager, bin ich nicht um Aufstieg bemüht, sondern um Erhalt.
Sicherlich ist die erwähnte Neiddebatte auch ein Thema, nach dem Motto, die da oben und wir da unten. Gestern habe ich ein interessantes Interview mit dem ehemaligen MP Platzeck aus Brandenburg gesehen. Dort sagte er sinngemäß: wir haben uns als Ossis gnadenlos verzockt. Sie dachten, dass die Aufbauhelfer aus dem Westen in Behörden und Leitungsfunktionen nach 10 Jahren aus den eigenen Reihen ausgebildet und nachgewachsen wären. Doch nach 30 Jahren sind 80% der Führungskräfte im Osten Wessis. Er soll seinen bayrischen Kollegen gefragt haben, was wäre, wenn in Bayern 80 % der Führungskräfte sächsisch sprechen würden… dieser entgegnete: Revolution.
Also hat die alte Regel Gültigkeit: Nur Eliten bilden Eliten.
Somit ist die Personalpolitik ( bei Behörden und Firmen) in gewisser Weise auch verantwortlich, ob ein sozialer Aufstieg möglich ist. Also muss der Ossi im Westen seine Ausbildung machen, damit er im Osten Karriere machen kann?