Ist ein sozialer Aufstieg in D noch möglich?

Ich habe jetzt mehrere Studien durchgesehen. Insgesamt liegt Deutschland auf der Seite mit weniger Durchlässigkeit, teilweise deutlich in der Nähe zu den USA. Es wird eine deutliche Verminderung der Durchlässigkeit Ende der 1970er beschrieben.

Als Problem wird die Entwicklung von allen gesehen, teil wegen des Gerechtigkeitsempfindens der Bevölkerung, teils aus volkswirtschaftlichen Gründen, ua.

Die Staaten, die deutlich besser liegen, haben höhere effiziente Bildungsausgaben und eine bessere vorschulische Bildung und Förderung. Wirtschaftlich rechnet sich das. Auch haben public health und die Prophylaxe in der Gesundheitspolitik einen höheren Stellenwert. Auch das macht Aufstiegschancen besser. Es gibt vieles, was die Chancen verbessert, nicht das eine, das den Knoten zerteilt.

Das ist schon ein besonders guter Aufstieg.

Ich denke aber, dass es früher ein strukturelles Problem war, dass viele heraus ragende Schülerinnnen und Schüler kein Abi machen konnten, welches wir heute in dieser Form in Deutschland nicht mehr haben.
In der heutigen Zeit hätte dein Vater vermutlich problemlos Abi machen können und studieren oder seine Lehre beenden.

Im Gegenzug gibt es heute bei den Einstellungen oft Formalkriterien (nicht immer sinnvoll aus meiner Sicht).

die Frage nach der Mobilität hat mich auch ein wenig gedanklich beschäftigt.

Ich habe jetzt meinen 31. Umzug hinter mir. Im Prinzip immer der Arbeit hinterher.

Rutscht man in den Bürgergeldbezug wird es schwierig mit der Mobilität. Man kann dann nicht so einfach umziehen. Das SGB II schreibt vor, dass eine Umzugserlaubnis sowohl des bisher zuständigen Jobcenter für einen Wegzug (die prüfen die Notwendigkeit, wie zum Beispiel die Verringerung der Bedürftigkeit durch Arbeitsaufnahme) und das neue Jobcenter für einen Zuzug (die prüfen die Angemessenheit der neuen Wohnung in puncto Größe und Kosten), einholen muss.

Als ich die junge Ukrainerin nach Rostock verfrachten wollte, weil sie dort einen Ausbildungsplatz bekam, war das ein wochenlanger Heckmeck mit den Ämtern (so lange wartet kein Vermieter, bis sich die Ämter da ausgekekst haben). Alleine wäre ihr das mit der Sprachbarriere und einem gewissen (sozialen und ausländerfeindlichen) Rassismus der Vermieter nicht gelungen. Rostock bietet gute Jobmöglichkeiten, aber kaum bezahlbaren Wohnraum. Hier ist also das SGB II mit seiner ausufernden Bürokratie als Hemmschuh für einen sozialen Aufstieg anzusehen.

Ich bin bewusst nach Rostock gezogen, weil ich mir Gedanken um mein Einkommen machen muss. Im Dezember läuft mein Projektvertrag aus. In Vorpommern-Greifswald, wo ich vorher wohnte, gibt es für Best-Ager wie mich kaum berufliche Chancen. Um den sozialen Abstieg zu vermeiden (wieder Bürgergeld am Ende des ALG I) bleibt mir nichts anderes übrig, als mobil zu werden. Betrachte ich mir meine ehemaligen Nachbarn in meinem Alter, so wäre denen das nicht möglich, da sie viel zu tief verwurzelt mit Familie, Haus und sozialem Umfeld sind.

Mir fällt so ein Umzug relativ leicht, da ich durch meine Vita nie tiefe Wurzeln ausgebildet habe.

In jungen Jahren wäre ich noch flexibler gewesen. Da hätte ich mir weltweit Jobs angesehen.

Heute, als Best ager, bin ich nicht um Aufstieg bemüht, sondern um Erhalt.

Sicherlich ist die erwähnte Neiddebatte auch ein Thema, nach dem Motto, die da oben und wir da unten. Gestern habe ich ein interessantes Interview mit dem ehemaligen MP Platzeck aus Brandenburg gesehen. Dort sagte er sinngemäß: wir haben uns als Ossis gnadenlos verzockt. Sie dachten, dass die Aufbauhelfer aus dem Westen in Behörden und Leitungsfunktionen nach 10 Jahren aus den eigenen Reihen ausgebildet und nachgewachsen wären. Doch nach 30 Jahren sind 80% der Führungskräfte im Osten Wessis. Er soll seinen bayrischen Kollegen gefragt haben, was wäre, wenn in Bayern 80 % der Führungskräfte sächsisch sprechen würden… dieser entgegnete: Revolution.

Also hat die alte Regel Gültigkeit: Nur Eliten bilden Eliten.

Somit ist die Personalpolitik ( bei Behörden und Firmen) in gewisser Weise auch verantwortlich, ob ein sozialer Aufstieg möglich ist. Also muss der Ossi im Westen seine Ausbildung machen, damit er im Osten Karriere machen kann?

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was hat sich da geändert?
das bildungssystem ist doch mehr oder weniger gleich geblieben, im zweifel eher durchlässiger.

die Frage ist warum.
es wird nicht am dialekt liegen.
denken die bewerber aus dem osten anders? haben die andere/ ungenügende qualifikationen?
arbeiten die anders?
haben die ein anderes verständnis von wirtschaft?
wenn 40% der Einheimischen AfD wählen und 15% die Linke, reduziert das das Feld der Bewerber für den Vorstand eines großen Unternehmens aus meiner Sicht schon mal erheblich.
oder haben die Leute, die über die einstellungen entscheiden einfach unberechtigte vorurteile?

Erst einmal gibt es Untersuchungen zur Bildungsmobilität und zur Einkommensmobilität, bei der die Wirtschaftslage und der Arbeitsmarkt eine große Rolle spielen. Bis zu den 80ern konnte man wohl im Betrieb gut aufsteigen. Bildungsaufstieg hieß damals, mittlere Reife und Abitur zu machen. In der heutigen Wissensgesellschaft bedeutet es ein Studium. Damals sind die Schulen für die Förderung von Arbeiterkindern sensibilisiert worden, ebenfalls die Unis. Die Anzahl der höheren Schulen und der Abiturienten nahm zu.

Seitdem hat sich die Bevölkerung drastisch geändert, ebenfalls die Wirtschaft. Die Bildungsinstitutionen müssen darauf eine Antwort finden. Ich denke, man sollte das nicht als “wer ist schuld” betrachten, sondern als für Demokratie und Wirtschaft notwendige Aufgabe. Diese Aufgabe ist heute wohl wesentlich schwerer.

Das Mangelnde soziale Mobilität heißt nicht, dass es niemand mehr nach oben schafft, sondern dass die Wahrscheinlichkeit sinkt. Es müssen mehr glückliche Zufälle zusammenkommen, damit es geschieht. Die Kinder und Jugendlichen und ihre Eltern und Lehrer trauen es sich nicht mehr zu. Diese psychologische Komponente ist auch dabei.

Das erst mal als eine vorläufige Antwort, das Thema ist weit.

PS: Führungskräfte stellen häufig Leute ein, die ihnen ähnlich sind, gleiche Ausbildung, gleicher sozialer Hintergrund. Das wird international beobachtet. Es ist häufig rational, so auszuwählen, da weniger Risiko. Das kann einer der Gründe sein, dass in Ostdeutschland mehr Wessis führen. Wahrscheinlich haben auch die Fakultäten für Betriebswirtschaft in Westdeutschland einen besseren Ruf dank längerer Tradition. Naturwissenschaften sind in Ostdeutschland oft spitze.

es kursierte im dem 2000ern ein böser Witz in einigen Führungsetagen vieler Firmen:

Wofür steht DDR? Während sich die schlauen Ossis nach dem Mauerfall “in den Westen gemacht “ haben, blieben die Doofen im Osten… deshalb: DDR= der doofe Rest.

Gut, sehr sarkastisch und böse, doch es spiegelt das Vorurteil vieler Wessis: die Bildungsqualität hat nach der Wende sehr stark nachgelassen. Ich wohnte für fast ein Jahr im tiefsten Brandenburg in der Nähe von Frankfurt/Oder. Während meine Kinder beste Schulnoten nach Hause brachten, schafften ein Drittel der Grundschulkinder schafften die Versetzung nicht in weiterführende Schulen.

In Pasewalk schafften vor einiger Zeit ein Drittel der Schüler das Abitur nicht (Abitur-Skandal an Pasewalker Gymnasium soll Konsequenzen haben). Schuld war die Schule und die Lehrer…. aber bei genauerem Hinsehen setzt sich das Malheur in den Betrieben fort. Meine Tochter hat erst eine Ausbildung als Krankenschwester in Pasewalk gemacht. Von 83 Schülern im ersten Lehrjahr haben nur 33 ihr Diplom in der Tasche (2022). Zufall?

Wir haben es ja erlebt, wie fehlerhaft viele Bescheide der Sozialbehörden waren. Traurig, dass ich als Laie und du @lawandorder als Anwalt die auf ihre Fehler hinweisen musstest. Es herrscht halt eine gewisse Mittelmäßigkeit vor. Ehrgeiz und grundlegendes Wissen werden hier nicht belohnt, weil viele Bereichsleiter nach alter DDR Manier ihre Untergebene klein halten. Oft herrscht ein Klima der Angst.

Ich durfte auch eine Anwältin des Öfteren bei meiner Tätigkeit in einer Opferschutzorganisation erleben, die im Westen ihren Dr. jur mit summa cum laudae abgeschlossen hatte. Die hat die Verteidiger der Täter regelrecht am Nasenring durch den Gerichtssaal geführt, darunter auch den letzten Innenminister der DDR.

Deshalb schaffen sich die Eliten ihren eigenen Nachwuchs. Gut, es ist kurz erklärt und einfach geschnitzt. Es gäbe mehr Faktoren, die die Situation erklären könnte. Aber ich halte es gerne SSS: simple, stupid, sellable

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worauf müssten sie heute sensibilisiert werden?

warum?
die Menschen sind vermutlich nicht dümmer als damals.

warum nicht?

ja, da ist sicher was dran.
Vor allem mittelmäßige Führungskräfte :slight_smile:

Interessant.
Die DDR hatte eigentlich ein gutes Bildungssystem und super Bücher.
Einige habe ich noch und im Studium sind oft Leute rübergefahren, Bücher kaufen, die es in dieser Qualität im Westen nicht gab

Ich kenne den doofen Rest übrigens als die Sachsen, die vom Westfernsehen nicht erreicht wurden.

Aber ich habe ja auch zwei Wenden erlebt.

wie das?

Du auch.
Eigentlich drei.

Die geistig moralische
Die Bonner
Die Wiedervereinigung

Genau so war Dunkeldeutschland vor der Wende in Bayern zu finden, resp. in Süddeutschland

Ich halte die Aussagekraft des hierarchischen Schichtenmodells für sehr begrenzt und jede Person in eine Skala einzuordnen ergibt überhaupt keinen Sinn. Unsere Gesellschaft ist wesentlich komplexer strukturiert, auch der historische Klassenbegriff ist ungeeignet.

Man kann über „Aufstiegsmöglichkeiten“ auch ganz ohne Schichten diskutieren. ( Man sollte es deswegen eigentlich nicht Aufstieg nennen, auch wenn das ein üblicher Bergriff ist.) Es geht doch darum, dass jedes Kind vollen Zugang zu dem kompletten Bildungsangebote erhält, möglichst unabhängig (als Idealziel) vom Status der Eltern. Und dass sich jeder Mensch möglichst frei (wieder Idealziel) entfalten kann (sorry für die abgedroschene Formulierung).

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ist der Bildungserfolg vom „Status“ der Eltern abhängig?
Oder von der Einstellung der Eltern, von ihrer eigenen Bildung, von ihrer Einstellung zu Bildung, von ihrem Beispiel, ihren Vorgaben?
Formal hat jeder Zugang zu Schule und Universität, kostenlos.
Aber das Kind muss versorgt, motiviert und unterstützt werden, materiell, emotional, mental.
Und das Kind muss selber ein paar Voraussetzungen mitbringen, die man nicht „antrainieren“ kann, die entweder da sind oder nicht.
Das ist eine komplizierte Gemengelage, in der viele Wege nach Rom führen, aber nicht alle und nicht für jeden.
Mit dem Thema hier wollte ich versuchen, das etwas aufzudröseln und vielleicht die entscheidenden Faktoren herauszufinden.

ich glaube, die Beantwortung der folgenden Fragen könnte dabei helfen:

Ich habe diesen Begriff in seine allgemeinmöglichsten Bedeutung verwendet. Schließt alle Punkte deiner Aufzählung ein.

Die wären für mich (auf die (Aus-) Bildung bezogen)

  • Qualität der Bildungseinrichtungen,
  • Niederschwelliger Zugang gemäß individuellem Potential (also nicht dem der Eltern)
  • Spezifische Förderung der Kinder gemäß individuellen Erfordernissen (also sowohl für die schwachen als auch für die hochbegabten)
  • Durchlässigkeit des Systems und Erwachsenenbildung (für Spätentwickler)
  • Beibehaltung bzw. Ausbau des erfolgreichen dualen Systems
  • und ganz wichtig: (noch) bessere Nutzung der modernen Medien

Sozialer „Aufstieg“ ist mehr als (Wissens-) Bildung und Geld. Man kann auch unterhalb der Millionärsgrenze ein zufriedenes und in die Gesellschaft gut integriertes Leben führen, ganz unabhängig davon, wie reich die Reichen sind.

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Es scheint also ein bedeutender Faktor zu sein, ob man den sozialen Aufstieg auch will.

Es sind ja auch einige gesellschaftliche Verpflichtungen damit verbunden, die man mögen kann, oder auch nicht.

Außerdem ist es offensichtlich auch abhängig davon, ob man aus einem bestimmten Milieu raus will oder nicht.

sehe es mal praktisch:

der Millionärssohn, der mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, mag vielleicht Papas Konzern nicht übernehmen und entdeckt mit 14 das Kiffen für sich. Da helfen auch Millionen nichts.

Wenn ich mir die Reportage von Stern TV über eine Familie Ritter ansehe, die über Jahrzehnte begleitet wurden, so hatte keiner die mentale Stärke, aus diesem Sumpf von Alkoholismus, Rechtsextremismus und Straftaten zu entfliehen. Das liegt eben viel daran, was du vom Elternhaus mit auf den Weg bekommst. Ich habe, seit ich ich meine 3 Töchter allein erzogen habe, immer prekär gelebt. Aber sie haben genug auf den Weg mit bekommen, um nun als Erwachsene auf eigenen Beinen stehen zu können.

Bürgergeldbezieher ist nicht gleich Bürgergeldbezieher, so wie uns das Proll-TV RTL II suggerieren mag

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Das ist sicher schon einmal - theoretisch - die Voraussetzung.
Wovon hängt das aber genau ab?
Das dürfte soziopsychologisch rel. schwer herauszufinden sein.
Und wie motiviere ich jemanden, der diesen „gesunden Ehrgeiz“ von Haus aus (im wörtlichen Sinne) gar nicht hat.
Die Lehrer in meinem Umfeld, die ich dazu befrage, erzählen mir immer wieder, dass das zwar geht - aber bei Klassenstärken von 30+x bei einem kulturellen Konglomerat praktisch beliebig schwierig wird. Und wenn dann die Eltern das dann auch noch konterkarieren, weil sie die Bedeutung für die Kindesentwicklung nicht richtig einschätzen können … :thinking:

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Hier die Hymne meiner Jugend. Förderlich für gesunden Ehrgeiz oder eher nicht?

„Irmengard, Irmengard. Was einmal genetisch versaut ist, kann man durch Schläge auch nicht mehr hinbekommen.“

ist das ernst oder ironisch gemeint?
Ich kenne Irmengard nicht (bzw weiß nicht, wie Du Polt hier verstehst).

das sind die „externen“ Faktoren, für die der Staat sorgen muss.

diese „internen“ Faktoren würden mich mehr interessieren.
Schon alleine deswegen, weil jeder Einzelne darauf Einfluss hat, jedenfalls zum Teil.

das kann ich aus eigener, bitterer Familienerfahrung bestätigen.
Da ging es mit 18 los, zuerst auch mit Alkohol und Kiffen und dann anderen Drogen, und endete in der Psychiatrie bzw. Forensik.
Das ist der Teil, auf den man keinen Einfluss hat.
Da ist die Welt zuende.

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