Deine Ansätze klingen für mich sehr plausibel. Wir haben viele Vorschusslorbeeren bekommen, aber wir haben es nicht geschafft, allerdings unter widrigen Umständen (Krieg, dysfunktionale Koalition, vehemente Anfeindungen von anderen Parteien und Teilen der Presse), sowie durch eigene Fehler diesen Erwartungen innerhalb einer kurzen Zeit gerecht zu werden.
wer hat gesagt, dass wir was unrealistisches versprechen sollen?
ich würde den Teufel tun und behaupten, dass es reicht, wie es jetzt gemacht wird! Warum denn?
Nein, ich würde es in etwa so versuchen:
„wir haben verstanden, dass die Mehrheit nur bis hier mitmacht, also machen wir das und sehen, wo es hinführt. Wir würden gerne mehr machen und halten das für nötig und werben dafür, aber das ist noch nicht mehrheitsfähig.
Also machen wir was geht. Alles besser als nix.“
Das ist natürlich eine Abweichung vom Standard („Wir wissen alleine die Lösung und werden das gegen alle Widerstände umsetzen“), aber was soll’s?!
das ist vielleicht auch so ein Oppositionsrelikt: in der Opposition sind unterschiedliche Sichtweisen innerhalb einer Partei nicht so tragisch. In der Regierung können sie Grund für eine Krise sein.
@Dagmar siehst Du denn ANzeichen, dass an meiner These was dran ist?
Müssen die Grünen als Partei noch lernen, wie man regiert?
Hängen sie mental noch in der Opposition?
Ich bin mir nicht sicher. Mein Eindruck ist, dass du es zu Recht an dem Begriff Opposition festmachst, aber dass es auch eine tiefe gesellschaftliche Entwicklung spiegelt: Die zunehmende Individualisierung, die vor allem von den gebildeteren und vermögenderen Milieus vorangetrieben wird. Es ist in diesen Milieus kein Vorteil, wenn man sich einpasst, in anderen aber durchaus. Nur die FDP treibt das noch mehr auf die Spitze.
Auch Führung ist in diesen Milieus eine schwierige Angelegenheit, es wird erwartet, dass jeder und jede eingebunden wird, und ich habe den Eindruck, dass etliche einen Eiertanz aufführen, um nicht als autoritär wahrgenommen zu werden. Aus Erfahrung weiß ich, das geht schief. Hierarchien bilden sich trotzdem, aber eher als Wildwuchs.
Ein eigenes Thema ist das unterschiedliche Hierarchieverständnis von Männern und Frauen.
(Diese Grundhaltung der Individualisierung beobachte ich auch in diesem Forum.)
Du identifizierst -sehr zurecht - eines der Schlüsselprobleme, dass die Grünen nicht angemessen (zumindest von außen nicht erkennbar) thematisiert haben.
Ergänzend zu Deiner Beschreibung: ein paar passende Zeilen aus der TAZ von gestern, Auszüge aus einem Kommentar von Peter Unfried:
(Hervorhebungen von mir)
Müssen die Grünen endlich wieder „radikaler“ werden?
[…]
Nach der Europawahl und 2,8 Prozent Verlusten gegenüber der bereits krachend verlorenen Bundestagswahl (14,7) haben wir die erwartbare Stehsatz-Analyse: Die Grünen müssen bereuen und umkehren! Entweder sie haben zu viel oder zu wenig gemacht. Die meisten Strategen wollen die Grünen schlicht wieder an den Rand zurücktreiben, wo sie entweder kein Unheil mehr anrichten können (konservative Sicht) oder wieder „radikaler“ werden sollen (linke Sicht), also sich auf moralisches Sprechen reduzieren oder einfach mal mehr durchsetzen. Mehrheiten in Regierung und Parlament interessieren dieses Denken nicht, es geht um Haltung.
Die linke Sicht ist häufig auch nur eine verbrämte Machtstrategie, denn sie möchte, dass die Sozialökologie gefälligst wieder zum linken Add-on geschrumpft wird.
Als Beiprodukt des Krisennarrativs (alles schlimm) greift die romantische Nostalgie um sich, sodass auch Union und SPD gern gewünscht wird, sie sollten wieder wie früher werden, dann würde alles wieder gut. Pfeifendeckel. Die beiden Fossilparteien haben es nach 2005 zusammen versäumt, die drängende Reformpolitik zu finden, zu erklären und Mehrheiten dafür zu gewinnen. Das ist der Grund, warum Entscheidendes eben nicht gut ist.
Was werden die Grünen jetzt tun? Am besten (für die Konkurrenz) die bewährten Klassiker aufführen, also interne altlagerorientierte Machtkämpfe unter Absingen der traditionellen Psalmen.
Für die realistischen Zukunftsinteressierten in und außerhalb der Partei geht es darum, eben nicht in die Habeck-Baerbock-Duell- und Radikaler-werden-Fallen zu tappen, nach denen wir simpel gestrickte Medien gieren, sondern das Vertrauen in eine gesamtgesellschaftlich orientierte Kraft des gemäßigt Progressiven auf der Höhe der Zeit neu und besser zu begründen.
Das geht nicht mit altgrüner Lager- und Politik-Folklore und auch nicht mit Weiter-so-Regieren. Nun muss […] der Grüne Idealismus, der die Bundesrepublik zivilisieren half, mit den realen Gnadenlosigkeiten des 21. Jahrhunderts viel intensiver ins deliberative Gespräch kommen.
Angesichts einer fehlenden politischen Priorisierung pflegt die bundesdeutsche Gesellschaft weiter ihre unterschiedlichen Illusionen. […]
Die Realitätsverweigerung ist leider die Grundlage eines inklusiven Zukunftsgesprächs. Um da eine Chance zu haben, muss man erst mal eigene Illusionen abräumen. Und dann wird man priorisieren müssen, sehr unangenehm. Was haben wir falsch gesehen, wo haben wir die Kollateralschäden unserer Politik unterschätzt? Im besten Fall wird man am Ende Allianzen gewinnen, um die zentralen Dinge tun zu können, für eine starke Wirtschaft ohne Emissionen, für die Verteidigungsfähigkeit des liberaldemokratischen Europas nach innen und nach außen.
Entscheidend sind jetzt die Dinge, für die man nicht gegründet wurde.
Diesen Schlußsatz sollte man als ‚take home message‘ nehmen.
… wir sollten uns bitte erinnern, dass die ‚Sockenstricker‘ nicht auf Parlamentsbänken hätten Platz nehmen können, wenn es nicht die personellen bzw. organisatorischen Korsettstangen aus ehem. ‚K-Gruppen‘-Mitgliedern gegeben hätte, die erst einen funktionierenden Parteibetrieb auf die Beine gestellt haben.
inwieweit hat die mit der regierungsfähigkeit der grünen zu tun? oder eben der oppositionsdenke. da fehlt mir die verbindung.
kannst du das näher erklären? wer tut das und wie ist der zusammenhang mit dem oppositionsthema?
hast du ein beispiel? und ist diese individualisierung schlecht? warum?
der schreibt mir aus der seele. schön wenn man seine gedanken so wiederfindet. und der mann kann mit sprache umgehen.
die. „gnadenlosigkeiten des 21. jahrhunderts“, sehr nett formuliert.
das ist mein flüchtlingsszenario 2040.
ich habe noch einen guten text von ihm gefunden:
„Ich sehe die Notwendigkeit bundesdeutschen Abschreckungspotenzials, ich bin bereit über europäische Atombomben zu reden und über eine Bundeswehr, die Deutschland gegen einen Angriffskrieg länger als 15 Minuten verteidigen kann. Ich halte es ganz und gar nicht für Militarismus oder Kriegsgeilheit, wenn man in der Lage ist, andere vom Morden und Vergewaltigen abzuhalten, weil sie wissen, dass man sich wehren kann.
Aber eines ist für mich der furchtbarste Gedanke, und das sagte ich dem Weltpolitiker auch: „Ich verstehe das alles, aber es ist für mich unvorstellbar, dass meine Kinder in einen Krieg ziehen müssen.“
Er sah mich mit seinem Joschka-Fischer-Blick an. Dann sagte er, fast wie nebenbei: „Das werden Ihre Kinder entscheiden.“ Das war der Moment, in dem ich etwas Entscheidendes kapierte. Bis dahin hatte ich gedacht, dass meine Kinder in meiner Welt leben. Durch Fischers fünf Worte habe ich verstanden, dass ich längst in der Welt meiner Kinder lebe.
Das ist die Welt, die der ehemalige Bundesaußenminister an dem Abend skizzierte – oder wie ich ihn verstanden habe. Eine Welt am Ende der Pax Americana, der von den USA überwachten globalen Ordnung, in der das, was wir gerade noch aus relativer Distanz erleben, nicht eine zwischenzeitliche Erschütterung unserer gewohnten Normalität ist. Sondern erst der Anfang eines globalen Chaos, in dessen Entwicklung sich Westen und Osten neu sortieren, die Amerikaner mit den Chinesen die Welt und die Weltmärkte neu aufteilen – und Europa die Arschkarte hat. Wenn Europa, wenn wir nicht aktiv Dinge anders machen.“
diese illusion dass wir irgendwohin zurück müssen ist weit verbreitet.
die afd will in die 40er oder 50er jahre,
die cdu in die 60er,
viele grüne in die 80er.
das ist ein zurückschrecken vor der zukunft, das natürlich nicht funktionieren kann.
es fehlt vielen offenbar die bereitschaft oder die vorstellungskraft, zu akzeptieren , dass die zukunft keine wiederholung der vergangenheit sein wird. dass unsere heutigen maßstäbe über den haufen geworfen werden und vielleicht künftig völlig untauglich sind.
siehe zB wieder mein flüchtlingsszenario.
wir müssen versuchsweise mal denken als hätten wir keine vergangenheit.
Auf jeden Fall ist „Sockenstricker“ eine ziemlich arrogante, herablassende und unzutreffende Art, die frühen Grünen zu beschreiben. So hat sich die Bildzeitung damals mit uns auseinandergesetzt. Es ist ein übles Zeichen, dass es das inzwischen sogar aus der eigenen Partei gibt.
ok. ich korrigiere:
Sockenstricker:innen. ![]()
(sorry)
Genau, unzutreffend sie haben zumindest Pullover gestrickt. Wenn ich mich der Bilder richtig erinnere.
Im Ernst, das ist nicht arrogant sondern liebevoll zurückblickend. Mir waren die immer sympathischer als die leicht militanten K-Gruppen.
Vollkommen richtig. Wir sind doch kein religiöser Verein, der sich auf alte Schriften beruft, oder?
Ist mir gar nicht aufgefallen ![]()
Einen Kuhandel verstehe ich im Sinne von „unterstützt du mein Projekt, unterstütze ich dein Projekt“
Ein Kompromiss bedeutet, beide Projekte zu verwässern.
Nö, ich finde das GEG ja gut und das Gesetz ist im Parlament mit Mehrheit verabschiedet worden.
Eben, die Ampel ist mit Mehrheit gewählt worden.
Mit dieser Mischung aus Rechthaberei und Dummstellen kommen wir nicht weiter.
Die Ampel hat aktuell max. 30% Zustimmung bei den Wählern.
Die Mehrheit stammt aus 2021.
Und eine parlamentarische Mehrheit bedeutet nicht, dass die von ihr beschlossenen Gesetze die Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit haben. Die AMpel regiert seit Jahren gegen die Wählermehrheit, und deswegen ist sie unbeliebt.
Aber das weißt Du alles selber.
Lass uns doch bitte ernsthaft argumentieren.
Deswegen sind die Grünen auch überflüssig. Erstenms sind die Grünen Konzepte oft unrealsitisch und zweitens gibt es selten Bereitsschaft zur Prävention von Schäden, reden wir besser über Anpassung und Reparatur..
Obwohl es eher die Politik ist die nix macht, viele Menschen wolle nschon was tun.. aber die Politik hat unklug gehandelt..
Möchtest du für diese Entgleisung um Entschuldigung bitten?
Nein. Das ist keine Entgleisung.
Ich sage ja nicht, dass Du dumm bist, sondern, dass Du so tust, als ob Du es wärst, und damit ein sinnvolles Gespräch verhinderst.
Ich nehme an, Du möchtest dafür auch nicht um Entschuldigung bitten?!
Und was die Rechthaberei angeht, da bekenne ich mich auch schuldig, kein Problem, gibt Schlimmeres.
Also, lass uns lieber über die Sache reden, statt das Persönliche zu dramatisieren.
Wäre mir sehr recht.
Ich freue mich über jeden Teilnehmer, der nicht nur einen Standpunkt hat, sondern den auch konsistent und nachhaltig begründet, auch wenn ich in der Sache anderer Meinung bin.
Nur bei dieser Mehrheitsfrage fand ich es dann nicht mehr konsistent, sondern eher wortklauberisch-formalistisch.
Ich versuche mal wieder eine Annäherung und laufendes Fortdenken ![]()
Das mit der Individualisierung:
Das Konzept und die Beobachtung kommen aus der Soziologie. Es ist ein Trend über viele Jahrzehnte, oft unbemerkt wie das Wasser in dem wir Fische schwimmen.
Der Vergleich unterschiedlicher Gesellschaften in der Vergangenheit, aber auch unterschiedlicher sozialer Milieus zeigt den Unterschied zwischen Gesellschaften, in denen von einzelnen erwartet wird, dass sie sich in die Gemeinschaft einfügen, so wie in Japan in der Vergangenheit und sogar noch in der Gegenwart, und Gesellschaften, in denen die Autonomie der Einzelnen im Vordergrund steht. Das spiegelt sich auch stark in Erziehungsstilen. Die progressiven und reicheren sozialen Milieus vermitteln ebenfalls eher Autonomie als konservative und ärmere soziale Milieus. In der deutschen Geschichte hat sich die Gesellschaft vor allem in der 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stark in Richtung Autonomie verschoben, auch vor allem in gebildeteren Schichten.
(Ich verwende die Begriffe Individualisierung und Autonomie parallel, aber es gibt natürlich auch wesentliche Unterschiede, die mehr Erklärung bräuchten: So etwa: Die Individualisierung der Gesellschaft fordert von den Einzelnen mehr Fähigkeiten zur Autonomie, denjenigen mit mehr Ressourcen gibt sie mehr Möglichkeiten, ihre Autonomie auszuleben)
Das trifft mit der Gründung der Grünen zusammen: Sie sind ein Kind der Befreiungsbewegungen von damals. Während CDU/CSU und SPD mehr ihre Einheit als Partei betont haben (kirchengebunden bzw. Genosse waren identitätsstiftend), waren die Grünen ein Sammelbecken von -relativ zur Bevölkerung- kleinen Bewegungen, in dem viel gestritten wurde. Ich kann mich an die Nachrichten von den Parteitagen erinnern, in denen das als Besonderes herausgehoben wurde.
(Ich denke irgendwie an einen Elternabend im Grünenmilieu, bei dem alles gleich wichtig ist, jeder und jede gehört werden will und alles endlos ausdiskutiert wird)
Inzwischen hat sich die ganze Gesellschaft in Richtung größerer Individualisierung verschoben (Familie, Wohnen oder Arbeitswelt sind Beispiele), so dass von allen mehr Fertigkeiten der Autonomie gefordert sind, die allerdings viele überfordern. Dadurch wird eine unbestimmte Sehnsucht nach Gemeinschaft immer stärker.
Hier trifft deine Analyse über eine eingefleischte Oppositionshaltung mit der gesellschaftlichen Grundströmung in Richtung Individualisierung zusammen. Die Grünen haben alle möglichen Sicherungen entwickelt, um der Basis ihre Autonomie nicht zu nehmen, und bilden alle möglichen Mikrogemeinschaften, die alle auf ihrer Position und Repräsentation bestehen (Weil Menschen am Ende doch Gruppenwesen sind). Irgendwie ist am Ende der Anspruch entstanden, jede noch so kleine Teilbewegung zu berücksichtigen.
Genau dieser Anspruch scheitert gerade auf ganzer Linie.
Zusammen mit der Unfähigkeit, sich in andere Schichten hineinzuversetzen, die ebenfalls durch die Folgen der Individualisierung begünstigt wird.
Individualisierung ist erstmal eine Beschreibung, die Folgen sind sowohl positiv wie negativ.
Ich habe jetzt mal zusammengeschrieben und schicke los, mal sehen.
Danke! Das erklärt mir mein eigenes Unbehagen bei diesen Trends.
Das Bestehen darauf, dass jeder gehört werden muss, dass jeder mitreden und mitbestimmen muss, geht mir zunehmend auf den Geist.
Zum einen sind viele damit überfordert, weil ihnen die „Fertigkeiten der Autonomie“ (wie Du es nennst) fehlen. Siehe Corona. Die Leute ertragen die Situation nicht, googeln sich Unsinn zusammen und berufen sich auf ihr vermeintliches Recht zum „Widerstand“.
Zum anderen führt das „jeder muss mitreden“ zur staatlichen Handlungsunfähigkeit und Unregierbarkeit. Wir können heute keine Stromtrassen mehr bauen, weil jeder Anwohner sofort auf den Barrikaden ist und meint, er weiß besser, wie und wo die Trasse laufen soll (Hauptsache nicht bei ihm in der Nähe).
Wir können keine Subventionen kürzen (die Bauern!), keine Steuern erhöhen (die Investoren!), keine Flüchtlingsheime bauen (die besorgten Bürger!) usw usw
Es können einfach nicht IMMER die Interessen ALLER gewahrt werden.
Ein Beispiel ist wieder das SelbstBestG und die Frauensauna (sorry).
Entweder die Transleute sind beeinträchtigt (wenn sie nicht rein dürfen), oder ein Teil der Frauen ist dagegen (wenn sie reindürfen).
Man muss sich entscheiden und einer Seite ein wenig weh tun.
Das Verleugnen die Grünen aber offiziell. Da merkt man, dass ihr Politikmodell an seine Grenzen stößt.
Auch hier wieder: in der Opposition kann man auch widersprüchliche Standpunkte nebeneinander vertreten. In der Regierung ist das schwerer (wobei Söder es irgendwie hinkriegt …)
Würde ich so nicht sagen. Irgendwann wird abgestimmt, und dann gehandelt.
Das passiert dann ja automatisch, je nach dem, wie das Abstimmungsergebnis ausfällt.
Sie versuchen, die Leute so lange wie möglich zu verarschen, so wie jede andere Partei auch, um möglichst viele Wählerstimmen zu bekommen.
Manchmal frage ich mich, ob eine Direktwahl der Abgeordneten nicht besser wäre. Man müsste dann nur gewährleisten, dass bei den Abstimmungen bestimmte Cluster gebildet werden, damit sich die Ergebnisse nicht gegenseitig behindern.
Klimaschutz ist „out“
Immer weniger Deutsche sind bereit zu verzichten
Klimaschutz verliert hierzulande an Bedeutung. Nur noch eine Minderheit ist bereit, mehr Geld für Bio-Fleisch und Strom aus erneuerbaren Energien auszugeben. Das zeigt eine exklusive Befragung für die SZ.
Die menschliche Natur ist auf Steigerung ausgelegt.“
So verhält sich das auch beim Klimaschutz. Der Verstand fordert: „Halte ein und reduziere das üppige Leben!“ Doch die Emotionen wollen ihm nicht recht gehorchen. Die Lust- und Frustzentren des Gehirns machen lieber weiter wie bisher. Statt Verzicht zu üben, verlangen sie immer noch mehr. Hirnforscher Häusel drückt es so aus: „Die menschliche Natur ist auf Steigerung ausgelegt.“ Und dieses Prinzip verträgt sich nicht sonderlich gut mit den Maßnahmen zum Klimaschutz, denen der Imperativ des Weniger statt Mehr zugrunde liegt.
Häusel hat noch eine weitere Erklärung dafür, wieso beim Klima so häufig eine Kluft zwischen dem Wollen und dem Tun klafft: Das Gehirn reagiere „viel stärker auf Ereignisse, die konkret in nächster Zeit stattfinden, als auf solche, die sich in einem, fünf oder gar 20 Jahren ereignen können“.
Tja, und hier liegt das Problem: Die Klimakrise entfaltet ihre volle Wucht erst in der Zukunft, das dicke Ende steht noch bevor. Und wenn dann noch die (Wahrnehmung der) Zukunft unsicherer und prekärer wird, ist der Klimaschutz das Erste, was von der persönlichen Prioritätenliste rutscht.
Dann kann es sogar passieren, dass einstige Chancen zu Risiken umgedeutet werden. Das lässt sich zum Beispiel an der Bewertung der Energiewende ablesen: Auf die Frage, ob die Energiewende dem Industriestandort Deutschland schade, antworteten im Juni 2017 noch zwei Drittel der von Civey Befragten mit „Nein“. Nur jeder Vierte sah darin eine Bedrohung. Heute, sieben Jahre und unzählige Krisen später, hat sich dieses Verhältnis komplett umgekehrt.
