Was ist Wahrheit?

Dann bemühen wir doch mal den schon mehrfach zitierten Hübl aus seiner Vorlesung im Juni 23 an der UdK Berlin - er kann das schön ‚kondensieren‘:



Nachtrag:



Bei der Relativitätstheorie geht es nicht in erster Linie um eine Verfeinerung der Gesetze, das ist eher ein Nebeneffekt, sondern um ein grundsätzlich anderes Verständnis (Geometrie) von Raum, Zeit und Gravitation.

Bei der Quantentheorie geht es um so grundlegende Fragen wie Kausalität und Determinismus des Universums.

Er springt munter von Ebene zu Ebene. Vieles ist ja trotzdem richtig.

Eine Stelle ist aber sehr irreführend:

image

Das suggeriert, die Erkennung der Realität im Gehirn (kurz Wirklichkeit) sei eine beliebige Erfindung und habe nichts mit der Realität zu tun. Das wäre purer Solipsismus, das behauptet heute kein Neurowissenschaftler. In einem gesunden Gehirn gibt es eine starke Korrespondenz zwischen Wirklichkeit und Realität des Mesokosmos aber keine Identität.

Das hat sowohl evolutionäre als auch ganz praktische Gründe.

Das ist Hübl sicherlich etwas zu verkürzt geraten in diesem ‚Fazit‘:

  • Die Neurowissenschaften liefern laufend neue Befunde dafür, dass unser Gehirn ein weitgehend (wenn auch nicht vollständig) verlässliches ‚Werkzeug‘ ist, um unsere reale Umwelt ‚richtig‘ zu erkennen und zu verstehen. Das menschliche Gehirn ist ja auch ein Evolutionsprodukt und der enorme evolutionäre Erfolg von Homo sapiens wäre nicht möglich gewesen, wenn das Gehirn immer nur irgendwas ‚imaginiert oder konstruiert‘ hätte und nicht zu einem (über-)lebenstauglichen realitätsgerechten Bild der Welt geführt hätte.
    Klar, im Gehirn (wo auch immer) gibt es keine Farben, Töne, Formen, Düfte etc. sondern ‚nur‘ das noch unvollständig verstandene Zusammenspiel von Millionen von Nervenzellen, die als Folge von ‚Außenreizen‘ zu einer ‚Repräsentation‘ der Außenwelt führen, die wir dann als ‚Wirklichkeit‘ empfinden. Leider wissen wir immer noch nicht, wo und wie ‚Bewusstsein‘ entsteht.
    Das Problem mit diesem verflixt komplexen Organ ist, dass es irgendwann angefangen hat, über sich selbst nachzudenken und dabei über die Jahrtausende zwar viele ‚Geistesblüten‘ produziert hat, aber - relativ zu unserer biologischen Geschichte - erst seit den paar letzten Millisekunden unserer Existenz begonnen hat, diesem Organ materialistisch und analytisch näher zu kommen.

„Imaginiert“ nein, „konstruiert“ ja. Sowie die Evolution den Vogel konstruiert hat, damit er fliegen kann.

Realitätsgerecht, soweit es zum Überleben notwendig war, aber nicht realitätsidentisch.

„Interpretation der Außenwelt“ wäre treffender. Aber ja, nichts anderes habe ich geschrieben.

Vielleicht sollten wir uns von dieser sehr philosophischen und neurobiologischen Ebene verabschieden. Es geht ja nicht in erster Linie um die Frage einer absoluten, naturwissenschaftlichen Wahrheit, sondern um Wahrheit, oder banaler um Fakten im gesellschaftlichen, politischen Zusammenleben und ob eine Zensurinstanz hier entscheiden sollte.

Und es kann auch dahingestellt bleiben, in wie vielen Fällen eine allgemeingültige, „objektive“ Bewertung gar nicht möglich ist, allein die Existenz einer derartigen Instanz verleiht ihr eine Macht, die mit der Meinungsfreiheit nicht mehr vereinbar ist. Damit fiele die Grundlage unserer Demokratie.

Doch ist sie.
Hast du selbst geschrieben:

Es müsste dann heißen: Rauchen kann Lungenkrebs verursachen.
Ein „kann“ weicht aber so auf, dass den Begriff „Wahrheit“ entwertet.
Was sollman dann von einer Wahrheit halten, die wahr sein kann, oder auch nicht?

Die korrekte Formulierung des aktuellen Wissenstands ist, dass Rauchen ein Risikofaktor ist, den man aufgrund epidemiologischer Untersuchungen grob beziffern kann.

Ob das zu den endgültigen letzten Wahrheiten gehört, ist nicht gesichert. Aber ist sehr sinnvoll, das bis auf Weiteres als einen Fakt zu betrachten.

1 „Gefällt mir“

Die Wahrheit zu erzählen wäre in der Politik der sichere Tod. Die dumpfe Masse lässt sich nur durch Angst erzeugende Lügen steuern. So muss das eben in der Demokratie, in der jeder Dorftrottel über die Zukunft des Landes mitentscheiden darf.

Höre ich da eine gewisse grüne Arroganz heraus? :wink:

Höre ich da eine gewisse grüne Arroganz heraus? :wink:

Nein, es ist natürlich klar: In Deutschland haben wir einen der höchsten Bildungsstandards weltweit. Die Menschen sind aber nicht nur durchweg gebildet, sie sind auch traditionell obrigkeitskritisch. Die „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bons greift einzig und allein in der französischen Gesellschaft, die ja dafür bekannt ist, Machthaber so lange zu ertragen, bis sie aus Altersgründen abdanken.

Ironie?

Selbstverständlich. Im zweiten Weltkrieg sind mehr als 60 Millionen Menschen gestorben ist eine wahre Aussage.Genauigkeit und Wahrheit sind zwei verschiedene Dinge.

Genau hier fängt das Missverständnis an. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht einfach morgen durch was anderes ersetzt. Es kann sein das Darwins Evolutionstheorie irgendwann durch noch etwas besseres ersetzt wird. Doch das würde diese sehr gut belegte Theorie nur ergänzen und nicht ersetzten. So wie die Relativitätstheorie Newton ergänzt.

Das ist doch der Kern der meisten Missverständnisse über wissenschaftliche Erkenntnisse.

Ich akzeptiere, dass nicht alle Wahrheiten genau quantifiziert sein müssen. Aber wenn sie es sind, wie Newtons Mechanik, dann stimmen sie oder sie stimmen nicht. Und in diesem Fall stimmen sie nicht universell.

So richtig konsistent sind deine Formulierungen nicht. Ob wir es ersetzen oder ergänzen nennen ist letztlich egal. Die Physiker sind immer froh, wenn sie nicht relativistisch rechnen müssen, das vereinfacht die Formeln.

Der erste Satz entspricht meiner ursprüngliche Aussage. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind keine universelle Wahrheiten, die irgendwo rumliegen und die man finden könnte, sondern temporäre Modelle, die wir uns von der Realität (=Wahrheit) machen und die irgendwann durch bessere Modelle ersetzt (oder ergänzt) werden.

Bei seriöser Wissenschaft sind das übrigens nicht beliebige Modelle, sondern mit Modelle mit guter Empirie und Vorhersagekraft. Man kann also nicht, mit Blick auf den unvollständigen Charakter menschlicher Erkenntnis, jeden Blödsinn als gleichwertig mit Wissenschaft verkaufen.

1 „Gefällt mir“

Ich glaube, das ist ein populäres Missverständnis/Fehldeutung der Ingenieure - die allgemeine Relativitätstheorie hat ein spektakulär anderes Verständnis von der sog. Raumzeit als die Newtonsche Mechanik, die von 3 variablen Raumkomponenten und einer nicht variablen Zeit ausgeht - die allgemeine Relativität ist keine genauere Erweiterung der der Newtonschen Mechanik - nur der Ingenieur macht daraus, dass bei hinreichend kleinen Geschwindigkeiten und Massen die Unterschiede im Ergebnis vernachlässigt werden können, und damit die Newtonsche Mechanik ein „Spezialfall“ der allg. Relativität ist
Die Vorstellung, zwei Massen würden sich direkt anziehen, ist aber falsch (auch wenn es sich einfacher rechnen lässt - die Masse krümmt die Raumzeit, und verändert dadurch die Geodäten so, dass andere Massen sich gradlinig auf den so gekrümmten Geodäten bewegen …
Das gleiche gilt auch für die Quantenmechanik - hier gibt es nur noch eine „statistische“ Wahrheit - überdies hängt diese vom „intelligenten Beobachter“ (vgl. Kopenhagener Deutung) ab und nicht mehr von einer vom Beobachter unabhängigen Realität. Auch die Quantenmechanik ist also eine fundamentale Umdeutung des Wahrheitsbegriffs!
Auch hier wandelt der Ingenieur das für in passend so um, dass er auf dem Standpunkt steht, dass die betreffenden Fälle, die das betrifft, i.d.R. zu vernachlässigen sind

Konrad Lorenz hat die Flügel der Vögel mal als „Fleisch gewordene Hypothesen über dynamik der Luft“ genannt, dessen Anpassung hinreichend zum Fliegen sind, aber eben nicht alle Facetten der tatsächlichen molekularen Strukturen der Luft mit berücksichtigt - warum auch - es reicht zum überleben …

"Nettes Menschenbild’ - ich hoffe, Du setzt Dich dem Gedanken folgend bei den Grünen aus Überzeugung dafür ein - wenigstens einer, der uns über den Populismus wieder zu mehr Stimmen verhilft!

In der Philosophie ist spätestens seit Kant und der „Kritik der reinen Vernunft“ mit einem absoluten - vom Menschen unabhängigen Wahrheitsbegriff Schluss - neuere Philosophen (zugegeben, das wenige, was ich dazu gelesen habe) definieren einfach den Begriff der „Objektivität“ so, dass daraus wieder ein solcher Wahrheitsbegriffs resultiert - allerdings zu Lasten des Objektivitätsberiffs … (vgl. „Objektive Erkenntnis“ von Karl Popper)