hier die (wie immer lohnende) Sichtweise von Schreiber
Der Mann ist in einem Maße neutral und ausgewogen, dass es manchmal fast wehtut 
Aber gerade deswegen höre ich mir das gerne an.
Zitat ab 1:06:
Was ist eigentlich, wenn nicht nur die Wähler ihre Position verändert haben?
Was ist, wenn sich auch die politische Mitte selbst seit Jahren verschoben hat?
Was ist, wenn ein Teil dessen, was heute als Rechts bezeichnet wird, vor 20 Jahren noch relativ gewöhnliche Positionen innerhalb von CDU, SPD oder FDP waren?
Genau darüber könnte nach dieser Landtagswahl eine der unangenehmsten politischen Debatten seit langer Zeit beginnen, denn Sachsenanhalt könnte der Ort werden, an dem das bisherige deutsche Modell an seine Grenzen stößt.
Dieses Modell funktioniert ungefähr so. Auf der einen Seite stehen die etablierten Parteien.
Dazu kommen Medien, Verbände, Stiftungen, NGOs, Universitäten und ein großer Teil des Kulturbetriebs.
Natürlich sind diese Institutionen nicht identisch. Sie sitzen nicht jeden Montag morgen an einem Tisch und beschließen gemeinsam, was die Bevölkerung in dieser Woche denken soll. So simpel funktioniert eine Gesellschaft nicht.
Aber Institutionen können trotzdem ähnliche Milieus vorbringen, ähnliche Bildungswege, ähnliche soziale Kreise, ähnliche politische Grundannahmen und irgendwann entsteht daraus etwas, dass man vielleicht als kulturellen Mainstream bezeichnen kann. ein Mainstream, der sich selbst meistens gar nicht als politisch wahrnimmt.
Das ist vielleicht auch entscheidend, denn wer innerhalb eines gesellschaftlichen Konsensus lebt, hält seine Positionen häufig nicht für links oder rechts. Er hält sie schlicht für vernünftig, für wissenschaftlich, für anständig, für alternativlos.
Aber da beginnt das Problem. Nehmen wir z.B. Migration.
Die Vorstellung, dass ein Staat seine Grenzen kontrollieren und Zuwanderung deutlich begrenzen sollte. ist international keine exotische Position. In Deutschland aber konnte bereits die Intensität, mit der jemand diese Forderung formulierte, darüber entscheiden, ob er noch als konservativ oder bereits als Rechts gilt.
Nehmen wir Geschlechterpolitik.
Noch vor relativ kurzer Zeit wäre die Vorstellung, Behörden, Universitäten und Unternehmen würden über geschlechtergerechte Sprache, Selbstidentifikation oder Quoten diskutieren für einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausgesprochen ungewöhnlich gewesen. Heute sind viele dieser Debatten Teil des institutionellen Alltags.
Nehmen wir Energiepolitik, nehmen wir die Rolle des Nationalstaates, nehmen wir die Europäische Union, nehmen wir Corona, nehmen wir die Frage, wie viel gesellschaftliche Veränderung der Staat nicht nur ermöglichen, sondern aktiv organisieren soll.
Bei all diesen Themen hat sich Deutschland rasant verändert.
Die Frage lautet für mich deshalb: Ist die Bevölkerung nach rechts gerückt oder ist ein Teil der Institutionen nach links gerückt, während ein anderer Teil der Bevölkerung ungefähr dort geblieben ist, wo er vorher schon war?
und weiter ab 5:00:
Denn eines der wirkungsvollsten Instrumente des deutschen politischen Diskurses der vergangenen Jahre war die Grenzziehhung. demokratisch oder undemokratisch, weltoffen oder nationalistisch, progressiv oder rückwärtsgewandt, Haltung oder Hass, Mitte oder rechts.
Solche Kategorien können notwendig sein. Ja, es gibt tatsächlich Extremismus, es gibt Rassismus, es gibt Antisemitismus, es gibt politische Positionen, die mit einer liberalen Demokratie nicht vereinbar sind.
Aber wenn die Kategorien immer weiter ausgedehnt werden, entsteht ein Problem.
Wenn irgendwann fast jede Kritik an Migration als fremdenfeindlich gilt, jede Kritik an Klimapolitik als wissenschaftsfeindlich, jede Kritik an bestimmten Formen der Geschlechterpolitik als queerfeindlich und jede Kritik an Journalismus als Angriff auf die Pressefreiheit gesehen wird,
dann verliert die moralische Grenzziehung irgendwann ihre Trendschärfe und schlimmer noch, sie erzeugt Gegenreaktion.
Menschen beginnen sich zu fragen, wenn ohnehin alles rechts ist, warum sollte mich der Vorwurf noch interessieren? Das ist vielleicht eine der großen unbeabsichtigten Folgen der vergangenen Jahre gewesen. Die permanente Warnung vor Rechts könnte dazu beigetragen haben, den Begriff rechts politisch zu entkräften.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich die politische Dynamik in Sachsenanhalt inzwischen so schwer mit den alten Kategorien beschreiben lässt.
Denn jemand, der seit 10 Jahren AfD wäht, ist kein Protestwähler mehr. Er ist AfD-Wähler und wenn eine Partei über mehrere Wahlperioden 30 oder 40% erreicht, kann man nicht mehr darauf
warten, dass dieses Phänomen irgendwann von selbst verschwindet.
Dann muss man sich mit einer unangenehmen Möglichkeit beschäftigen.
Vielleicht hat sich ein dauerhaftes politisches Gegenmilieu gebildet.