Ein gutes Beispiel für schlechte Berichterstattung

The Kids Are Alright ist ein von mir abbonierter Newsletter des Krautreporters Bent Freiwald

Moin,
hier ist Bent und ich bin wütend. Eigentlich würde ich mich heute nicht direkt wieder in dein Postfach schummeln, ich habe dir ja gestern erst den Link zu meiner neuen Analyse zu Kreativität in der Schule geschickt.

Ich hatte meine Rechnung aber ohne die anderen Medien gemacht – und ohne die Deutsche Presseagentur. Die vergangenen beiden Tage waren ein Musterbeispiel an schlechter Berichterstattung über vermeintlich gewalttätige Kinder und Jugendliche.

Es geht darum, das aktuell Meldungen über zunehmende Gewalt an Schulen durch die Presse laufen, weil die Zahlen mit denen der Corona-Zeit verglichen werden.

Im schlimmsten Fall löst eine solche falsche Berichterstattung Reaktionen von Politikern aus, die dann irgendwas vorschlagen, was gegen den eingebildeten Anstieg helfen soll.

Ja, die Zahlen zeigen, die Gewalt ist wieder angestiegen und mit ihr auch die Unfälle. Darauf scheinen sich die dpa und damit alle Medienberichte zu stürzen. Verständlich, das ist ja auch erstmal schockierend. Und die Gewalt soll hier auch nicht kleingeredet werden. Aber: Was die Berichte vergessen, ist, einen sinnvollen Vergleich zu ziehen. Denn beide Zahlen – die der Gewaltfälle und der Unfallrate – liegen unter denen von 2019.

Dass so viele Medien die dpa-Meldung übernommen haben, ist auch deshalb so fatal, weil der Spin, den die dpa dieser Studie verliehen hat, jetzt in hunderten Medien Deutschlands zu lesen ist. Der Wahrheitseffekt sagt: Je öfter wir eine Information hören, desto eher glauben wir sie. Wir können also davon ausgehen, dass Millionen Menschen jetzt denken, dass Schüler:innen immer gewalttätiger sind.

Hier kommt eine Einordnung, die wirklich hilft: Von 2001 bis 2021 ist die Zahl tatverdächtiger Kinder deutlich gesunken, mit kleineren Wellen und zuletzt einem Anstieg, der sich 2023 fortgesetzt hat. 2001 gab es laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (die an sich problematisch ist, wie meine Kollegin Nabieha Ebedat gezeigt hat) über 140.000 tatverdächtige Kinder. Selbst nach dem Anstieg der letzten drei Jahre liegt der Wert derzeit immer noch bei ungefähr 104.000.

Man muss sich das immer wieder vor Augen führen: Kinder und Jugendliche sind heute deutlich seltener kriminell als noch vor 20 Jahren. Das wäre mal eine gute Headline.

der wirklich schlimmste Fall ist doch der, dass die Wähler solchem Aktionismus folgen, weil sie unreflektiert entweder alten Sterotypen oder einer einzelnen Skandal-Berichterstattung (imbesten doppeldeutigen Sinne) „blind“ folgen.
Ich finde erneut, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn vereinzelt irgend welche Politiker sich irgend etwas ausdenken, so lange es genügend Anhaltspunkte und Statements aus Wissenschaft und Technik dazu gibt, die dagegen halten, und einen viel größeren Einfluss auf die so Informierten haben…
Wenn wir uns mit dem „dummen Bürger“ abfinden, und es immer nur auf die „bösen“ Verführer schieben, machen wir es uns a) zu leicht und b) gibt es nur wenig Einfluss auf die vorgeblich „Bösen“.
Es geht darum, die Menschen schlau genug zu machen, dass sie darauf nicht reinfallen (da sind wir wieder beim Thema Bildung).
Was spricht eigentlich dagegen, ChatGPT zu verwenden, um so was immer gleich zu widerlegen?
Man stelle sich das mal vor: wenn Politier vor laufender Kamera etwas behaupten und als Maßnahme vorschlagen, was per eingebledetem Untertitel durch eine kleine Datenrecherche sofort widerlegt werden kann (z.B. die Zahnarzttermine der Sozialtouristen aus der Ukraine von Herrn Merz)
So was müsste doch technisch heutzutage möglich sein?!?!

Systeme wie ChatGBT haben kein Konzept von Wahrheit. Nur von Syntax.
Sie wählen eine passende Antwort auf eine Frage, aber keine sachlich korrekte Antwort auf eine Frage. Zum Faktencheck also ungeeignet.

Es ist sehr bedauerlich, daß Presse und Hersteller hier einen anderen Eindruck erwecken und das man als Nutzer das auch nicht gleich versteht, weil die Antworten halt so eindrucksvoll aussehen.

Was wirklich helfen würde wäre die Verwendung (oder mindestens die Verlinkung) von mehr Originalquellen in der Presse.

Da die Presse aber gerade in der Krise steck, weil die Unternehmen noch wie im Zeitalter der Druckerpresse denken, ist die Lösung aktuell schwierig.

Das ist schon klar - ein manuelles Überprüfen von Quellen ist immer noch notwendig - es geht aber erst mal rasend schnell, Quellen aufzustöbern - das ist ein Vorteil im vgl. zu früher…

Ich wüsste nicht, daß ChatGBT in der Lage wäre seine Quellen zu identifizieren.

Aber wir kommen vom Thema ab:
Die Berichterstattung über wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien in deutschen Medien ist einfach schlecht.

Das Datenmodell müsste dies eigentlich hergeben - aber bislang wird das nicht ausgegeben…

Das ist wahr - in meiner Jugend hatte ich viel Kontakt mit Journalisten der Lokalzeitung - die Analyse von Quellen interessierte damals (wie heute?) niemanden und nimmt zu viel Platz weg - das lief (und läuft) eher unter dem Motto - „der wird schon gscheid recherchiert haben - ich glaube das also“ - wird wohl stimmen.
Und Wissenschaft war (und ist?) „viel zu kompliziert“ für die meisten - allein, dass die Wissenschaft nur funktioniert, wenn man sich den Zweifel gegenüber des - vorläufigen -Ergebnisses bewahrt - ergo keine „absoluten“ Wahrheiten enthalten kann (Achtung: Mathematik ist keine Wissenschaft!).
Offensichtlich ist dies für viele schon schwierig, auch wenn diese Unbestimmtheit anderseits viele Freiheitsgrade erst eröffnet.

Es geht ja nicht darum, die jeweiligen Wissenschaftsgebiete zu verstehen, sondern. Man sollte aber die Wissenschaftlichen Prinzipien verstehen, die z.B. hier gut erklärt werden:

Dann wäre natürlich noch die Frage, wie sich Journalismus aktuell finanzieren muss: Durch Klicks auf den Artikel nämlich. Das fördert keine differenzierte Darstellung von Wissenschaft!

PS: Die Mathematik von altgriechisch μαθηματικὴ τέχνη mathēmatikē téchnē ‚die Kunst des Lernens (!) ist eine Formalwissenschaft, die aus der Untersuchung von geometrischen Figuren und dem Rechnen mit Zahlen entstand. Für Mathematik gibt es keine allgemein anerkannte Definition; heute wird sie üblicherweise als eine Wissenschaft beschrieben, die durch logische Definitionen selbstgeschaffene abstrakte Strukturen mittels der Logik auf ihre Eigenschaften und Muster untersucht. :grin:

Tut es nicht. Bisher jedenfalls.

Ich sehe das Problem gar nicht so sehr auf Seite der Medien. Es gibt kaum eine größere Zeitung ohne gutes Online-Angebot. Allerdings gibt es auf Nutzer-Seite eine ausgeprägte Gratismentalität, die eine Finanzierung von seriösem Journalismus schwer macht.

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